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Agatha Christie: England

Hercule Poirots Weihnachten

Hercule Poirots Weihnachten

Heute ist der 6. Dezember 2017. Es weihnachtet sehr. In meinem Buchregal nur sehr bescheiden. Denn mit sogenannten Weihnachtskrimis tue ich mich sehr schwer. Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen habe ich genügend zur Auswahl, aber Mord und Totschlag zum Fest, das ist nicht meine Sache.
Mit Agatha Christie ist es etwas anderes. Sie und Hercule Poirot gehören dazu, fast schon Pflichtlektüre.
Halten Sie mich nicht für sentimental, aber ich liebe diese Stimmung von Gorston Hall, dem Herrenhaus in Longdale, Addlesfield. Unweit von London gelegen.
Der alte Simeon Lee hat den Familien-Clan zum Weihnachtsfest eingeladen. Na ja, „eingeladen“ passt nur bei denjenigen, die ihn mögen, das ist allerdings nicht die Mehrzahl. Das Familienoberhaupt ist ein Ekel und zugleich reich. Und da seine erwachsenen Kinder samt ihren Ehepartnern ausnahmslos Geld lieben bzw. dringend brauchen, kommen sie und machen gute Miene zum Weihnachtsfest.
Zur Überraschung der Familienangehörigen erscheinen noch zwei weitere Gäste, die aber nicht weniger willkommen geheißen werden. Etwas distanzierter ist hingegen das Verhalten von Simeon Lee gegenüber seinen Hausgeistern – und davon hat er reichlich.
Die Autorin sorgt beim Leser fast für Wohlfühlstimmung. Die einzelnen Personen werden detailliert, mit ihren Schwächen, beschrieben. Die Dialoge geben hinreichend Aufschluss über Sorgen, Nöte und Hoffnungen. Schließlich ist Weihnachten das Fest der Liebe und Geschenke, da wird wohl kaum jemand am Ende der Feiertage mit leeren Händen das Herrenhaus verlassen. Und doch liegt etwas in der Luft. Die Gäste und das Personal sind ahnungslos, allein der Leser weiß mehr: schließlich ist dies ein Krimi.
Kennen Sie das Gefühl? Sie sind auf ein Ereignis gefasst und warten minütlich darauf, dass es eintritt. Wenn es soweit ist, erschrecken Sie trotzdem fürchterlich.
So, wie hier.
Wer rechnet denn schon mit einem Mord auf diese Weise?
Der gesunde Menschenverstand wehrt sich vehement gegen das, was der Mensch sieht. Denn dieser Mord kann „so“ eigentlich nicht verübt worden sein. Fragen über Fragen tauchen auf, auch die nach dem Mörder.
Weder die Räumlichkeiten noch die anwesenden Personen, einschließlich Personal, kommen als Mörder in Frage.
Zumindest zunächst.
Mit dem Erscheinen der Polizei kehrt erste Ordnung ein. Zunächst betritt der junge Polizeiinspektor Sugden das Haus. Er trifft erste Entscheidungen und informiert dann Colonel Johnson, den Polizeichef von Middleshire. Dieser beherbergt zufällig als Gast Hercule Poirot. Die beiden wollten eigentlich zusammen die Weihnachtsfeiertage verbringen, doch nun verbringen sie zumindest Heiligabend auf Gorston Hall.
An dieser Stelle beginnt gewissermaßen Teil II der Handlung. War die Verwandtschaft bislang noch unter sich und nutzte die Zeit für ungehemmte Gespräch, Vorhaltungen und Unterstellungen, so kehrt (nicht zuletzt durch das tote Familienoberhaupt) eine gewisse Ruhe ein.
Sugden nimmt seine Aufgabe ernst.
Colonel Johnson hat während der Befragung ein wachsames Ohr und ein wachsames Auge. Schließlich ist ein Mord auf Gorston Hall etwas wirklich Ungewöhnliches.
Hercule Poirot beschränkt sich auf die Rolle des Beobachters. Er ist berühmt, aber zugleich bescheiden und zurückhaltend.
Der Meister der Analyse lauscht den Gesprächen. Die passive Rolle gibt ihm genügend Raum zum ruhigen Nachdenken. Der Leser erlebt bei Agatha Christie die Konzentration auf das Wesentliche. Keine Tatortsicherung, keine Spurensuche, keine Handyortung und keine Sicherstellung von Fingerabdrücken.
Und auch das ist ein Grund, weshalb ich nach längerer Zeit immer wieder mal zu einem Krimi von Agatha Christie greife. 

Hercule Poirots Weihnachten erscheint beim Atlantik Verlag im Hause Hoffmann und Campe. Die Deutsche Erstausgabe wurde erstmals am 9. Dezember 1938 veröffentlicht. Das war vor fast achtzig (!) Jahren.

 

 

 

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