Meine Kommissare

Andrea Camilleri: Sizilien

Das Netz der grossen Fische

Das Netz der grossen Fische

Das Netz der grossen Fische erschien bereits im Dezember 2012 bei Bastei Lübbe. Der Grund dafür, dass es unter meinen überwiegenden „Neuerscheinungen“ auftaucht, ist simpel: Es ist zeitlos, anspruchsvoll und typisch für den großen Autor – außerdem ist es mal ein „anderer Camilleri“. Der Autor gönnt sich das Vergnügen, sich in erster Linie mit seinen Landsleuten, genauer gesagt mit den Sizilianern, zu beschäftigen.
Er konzentriert sich dabei so sehr auf sein eigentliches Anliegen, dass er auf jegliches Beiwerk verzichtet: Auf ein Ermittlerteam im Fall der ermordeten Tochter eines mächtigen Politikers wird ebenso verzichtet wie auf kriminaltechnische Untersuchungen und eine fieberhafte Tätersuche. Schließlich war sie die Verlobte des Sohnes eines führenden Politikers. Dieser Verlobte wird nun des Mordes angeklagt.
Das ist der Auftakt zu einem Intrigenspiel, das mal laut und mal leise zwischen Politik und Medien ausgetragen wird. Höchst lebendig und überaus emotional wird die Geschichte durch die handelnden Personen. Glänzende Dialoge während verschwiegener Treffen (bloß keine Telefonate!), Andeutungen, die so oder so verstanden werden können (oder sollen), das „Anzapfen“ von Informanten (mit und ohne Gegenleistung), das alles ist Das Netz der grossen Fische.
Der Autor verzichtet auf Salvo Montalbano. Hin und wieder agiert Commissario Dottor Bonanno. Zusammen mit seinem Kollegen Lo Bue, einem Commissario der Polizei, stellt er aber nicht ansatzweise eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu Salvo dar.
Zur Charakterisierung der Person des Commissario soll dieser kurze Textauszug beitragen:
„Wieso? Was ist denn Bonanno?“
„Sobald er Rot sieht, selbst ein so verwaschenes Rot wie das der heutigen Kommunisten, wird er wild wie ein Stier, hört auf zu denken, greift an und das war´s.“
Dass in diesem Buch die Ermittlungen nicht nach dem üblichen Muster verlaufen, sondern in erster Linie bestimmt werden durch politisches Kalkül, durch Machtspiele und ein gegenseitiges Fallen-Stellen verdeutlichen diese beiden Sätze, die Lo Bue betreffen:
„Na ja, ich denke, das Lo Bue den wahren Mörder bald ausfindig machen wird, wenn er von diesen neuen Fakten erfährt.“
„Sicher wird er einen Schuldigen finden. Ob der aber auch wirklich der Mörder ist, das steht auf einem anderen Blatt.“
Eng verwoben ist der Kriminalfall mit der Geschichte zwischen Michele Caruso, Chef der TV-Lokalnachrichten der RAI in Palermo und Giuditta. Ist es wahre Liebe oder nur Liebelei? Denn in Micheles Kopf gibt es immer noch Giulia, seine Frau, die ihn nach drei Jahren Ehe mit den Worten „Ich habe mich verliebt“ verließ.
Ein Buch für die Anhänger Andrea Camilleris, für die Freunde von Salvo Montalbano und alle, denen „die Sprache“ wichtig ist. 

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