Meine Kommissare

Andrea Nagele: Italien

Grado im Dunkeln

Grado im Dunkeln

Grado im Dunkeln ist, wie der Titel schon vermuten lässt, die nahtlose Fortsetzung des ersten Grado-Bandes Grado im Regen. Ich empfehle, diesen Band unbedingt zuerst zu lesen. Zur Einstimmung, zum besseren Verständnis, zum Kennenlernen der Commissaria Maddalena Degrassi und zum vertraut-machen mit der Region.
Es wäre sicher ein Leichtes, die Vorzüge dieses Teiles der Adria-Küste „in Szene zu setzen“, die Besonderheiten herauszustellen und somit Anreize für Besuche zu schaffen. Doch die Autorin widersteht der Versuchung, neben Venedig (Donna Leon) und Triest (Veit Heinichen) einen dritten spektakulären „Tatort“ an der Adria zu schaffen. Das muss erwähnt werden und verdient aus meiner Sicht große Anerkennung.
Der Klappentext, der dem Krimileser üblicherweise einen Kaufanreiz bieten soll, gibt erste Hinweise auf Art und Umstände der geschilderten Verbrechen. Der Umgang mit dem Leid und dem Leiden betroffener Frauen findet in der Kriminalliteratur oft genug keine angemessene Würdigung und beschäftigt sich mehr mit Tätern als mit Opfern.
Andrea Nagele zeigt dem Leser eine weitere, ganz andere Sichtweise. Gewiss, es geht vordringlich um das Verbrechen. Es geht um Tatumstände, um Verbrechensaufklärung, um die Tätersuche und die damit verbundene klassische Polizeiarbeit. Doch was spielt sich in den Köpfen ab? Im Moment des Geschehens und anschließend? Was teilt das Opfer den Ermittlern mit, was behält es für sich? Ist dies noch Nachhall oder schon Realität? Welche Rolle spielen Eindrücke, Gefühle, Gerüche? Der Geruch eines Kaugummis kann plötzlich Panik auslösen. Die schemenhafte Bewegung eines Mannes kann zu einer falschen (oder richtigen?) Verdächtigung führen. Warum stellt diese Commissaria so bohrende Fragen? Glaubt sie mir nicht? Wie schaut mich meine Kollegin plötzlich an?
Die Panik hört nicht auf und wird durch kleinste Wahrnehmungen vor meiner Haustür erneut geschürt.
Die Verwirrung in den Köpfen der Ermittler ist nicht minder gering. Keine Spuren, dafür viel Druck von oben.
Maddalena Degrassi kann keine Rücksicht nehmen  - weder bei der Befragung der Opfer noch bei den Angehörigen. Was ist wahr? Was ist Abwehr? Und welche Rolle spielt Toto? „Auch Toto, so schwierig sich der Umgang mit ihm und seiner körperlichen und geistigen Behinderung mitunter gestaltete, war stets am glücklichsten gewesen, wenn sich die beiden Mädchen bei ihnen aufhielten.“
Die Autorin weiß, wovon sie schreibt – werfen Sie einen Blick in ihre Vita, lieber Leser.
Unbeschadet des großen Themas ist Grado im Dunkeln natürlich ein Krimi -  mit eindeutig regionalem Bezug. Und zu diesem Krimi gehört untrennbar die achtunddreißigjährige, Motorrad-fahrende Commissaria Maddalena Degrassi, die allein in ihrem ererbten Haus am Meer wohnt und hin und wieder von Franjo träumt. Keine Heldin – eine selbstbewusste Frau, die sich um ihren persönlichen Rückhalt selbst kümmern muss.
Grado im Dunkeln erschien im Februar 2017 bei emons:, wie die vorangegangenen Bücher der Autorin auch. 

Alle Rezensionen von Andrea Nagele

Facebook