Meine Kommissare

Andrea Nagele: Österreich

Tod in den Karawanken

Tod in den Karawanken

Welche Mutter kommt ohne schlechtes Gewissen zu spät zum vereinbarten Treffpunkt, um ihre Tochter abzuholen und macht sich außerdem keine Gedanken, wenn sie ihre Tochter nicht dort vorfindet, wo sie mit ihr verabredet war? Und anstatt sich selbst die Schuld für das verpatzte Treffen zu geben, sofort ihrer Tochter die Schuld zuweist? Und sich danach fortgesetzt über das ungebührliche Verhalten der Dreizehnjährigen beschwert.
Wer macht so etwas? Welche Mutter ist so herzlos?
Diese Mutter heißt Lilo Grabner, ist die Frau von Hanno und gerade von Klagenfurt, Österreich, nach Grado, Italien, gezogen, um dort eine einjährige Auszeit zu verbringen.
Diese Lilo denkt zunächst an das Treffen mit ihrem Freund Ricardo und sehr viel später auch an ihre Tochter Lena. An Ricardo denkt sie mit sehr viel Gefühl und an ihre Tochter mit sehr viel Wut und keinerlei Nachsicht.
Lilo ist die Zentralfigur in Tod in den Karawanken und regt mich von der ersten Seite an auf. Die Autorin erntet von mir stumme Vorwürfe: Wie kann man seinen Lesern eine so unsympathische Figur vorstellen und  sie noch dazu in der Ich-Form agieren lassen? Dieses fortgesetzte Nörgeln und kein gutes Haar an anderen lassen. Ich kann langsam Hanno, also ihren Mann, und Lena, ihre Tochter, verstehen.
Andrea Nagele versteht es glänzend, den Leser in die Handlung reinzuziehen. Er kann sich nicht wehren, will mehr erfahren über dieses unmögliche Verhalten von Lilo.
Endlich hat sich Hanno durchgesetzt mit seinem „Vorschlag“ seinen alten Freund Simon Rosner mit der Suche nach seiner Tochter zu beauftragen. Beknien muss man eher sagen. Ausgerechnet Rosner, Jugendfreund von Lilo und Hanno, immer noch Freund von Hanno und nicht mehr Freund von Lilo, heute Kommissar in Klagenfurt.
Kleine Korrektur: Zurzeit ist Simon Rosner auf Alkoholentzug im Klinikum Klagenfurt – dieser Umstand gestaltet das Ansinnen seines Freundes Hanno etwas schwierig.
Simon hat zwar ein Problem mit dem Alkohol aber nicht mit den Menschen. Die durchschaut er, besonders Lilo bzw. Lilofee, wie sie früher von ihren Freunden genannt werden wollte. Mit Lilo stimmt etwas nicht. Warum ist sie angesichts des Verschwindens ihrer Tochter so merkwürdig unbeteiligt?
Das Wiedersehen mit Simon weckt bei Lilo alte Erinnerungen. Doch keine fröhlichen und keine unbeschwerten. Simon wäre kein guter Polizist, wenn ihm Lilos Verhalten nicht zunehmend merkwürdig vorkäme.
Inzwischen stellt die Autorin weitere Figuren auf das Spielfeld. Geben Sie Obacht, lieber Leser, jede Figur hat ihre Aufgabe. Jede. Alle Akteure warten nur auf ihren Einsatz.
Warum wird Lilo zunehmend nervöser?
Warum denkt sie immer öfter an ihre tote Freundin Magdalena?
Was war damals auf dem Berg, in den Kärntner Karawanken, wirklich los? Das Buch heißt immerhin Tod in den Karawanken.
Andrea Nagele ist nicht nur ein glänzender Krimi gelungen. Sie kann auch Menschen samt ihrer Schwächen eindrucksvoll beschreiben. Das gehört alles zur Handlung und wirkt nie ausschmückend. Simon Rosner, der Ermittler im Buch, leidet und ermittelt zugleich. Der Leser spürt seine Anstrengung und freut sich mit ihm über kleine Siege. Scheinbar klein, aber für Simon wichtig. Seine Freundin Alice hat einmal zu ihm gesagt, alles an ihm wäre grau: seine Gesichtsfarbe, seine Haare, die Augen und das Hemd. Sogar seine Jeans.
Tod in den Karawanken erschien im Februar 2017 bei emons:, wie die vorangegangenen Krimis der Autorin auch. 

 

 

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