Meine Kommissare

Andrea Nagele: Italien

Grado im Regen

Grado im Regen

Friaul-Julisch Venetien, das ist die exakte Beschreibung für die Region, in der Grado liegt. „Die Stadt Grado mit 8251 Einwohnern liegt an der Nordküste der Adria auf einer Küstendüne am äußersten Ende des Golfs von Venedig. Die Insel von Grado wird auch Sonneninsel oder Goldinsel genannt.“ So steht es bei Wikipedia.
Das Grado, das Andrea Nagele ihren Lesern bietet, stellt sich anders dar. Ganz anders. Stürmisch, windig und mit jeder Menge Regen. Das Meer ist aufgewühlt und lädt auf keiner der 236 Seiten zum Baden ein.
Die Stimmung dieser Kulisse passt zum Handlungsablauf. Denn der ist von einer gerade noch erträglichen und trotzdem glaubwürdigen Düsternis und Schwere geprägt. Etwas Melancholie, Ausflüge ins Märchenhafte, weit zurückliegende Erinnerungen einer alten Dame und eine Meerjungfrau.
Grado im Regen ist die Geschichte von Franziska, die sich aus berechtigtem Grund von ihrem Mann Tomaso getrennt hat. Das sieht Tomaso ganz anders – schließlich befinden wir uns in Italien. Er verhält sich so, als ob es keine Trennung gäbe. Und dann ist da noch Stefano, der steht ziemlich genau zwischen Franziska und Tomaso.
Grado im Regen ist auch die Geschichte von Angelina Maria Cecon. Die alte Dame beobachtet aus dem Fenster ihres am Meer stehenden Hauses jeden Abend ein junges Nixlein, bis dieses Wesen eines Tages vor ihren Augen verschwindet. Kann Angelina Maria ihren Augen trauen? Ist sie womöglich nur einer Täuschung zum Opfer gefallen? Angelina ruft mehrfach bei der Polizei an, doch niemand nimmt ihr die Geschichte von der verschwundenen Meerjungfrau ab. Zu wirr sind die Gedanken der Alten, die allein in ihrem großen Haus und in ihren Erinnerungen lebt.
Grado im Regen ist auch die Geschichte der kleinen Laura, die täglich für die Bäckerei des Signor Pasquale Panini und Brioche austrägt und sich auf diese Weise ein wenig Geld verdient, weil ihre Eltern nicht gerade mit Reichtum gesegnet sind. Laura ist ein aufgewecktes Mädchen und spielt in diesem Krimi eine wichtige Nebenrolle.
Grado im Regen ist auch die Geschichte der Commissaria Maddalena Degrassi, die mit 38 Jahren erfährt, dass ihre Eltern nicht ihre Eltern sind. Als ermittelnde Beamtin im Fall der verschwundenen (oder doch nicht?) Meerjungfrau ist sie nun mal die Protagonistin in diesem Buch. Nicht nur, muss ich hinzufügen.
All diese Figuren hat Andrea Nagele fein miteinander verknüpft – versponnen passt in diesem Fall wohl besser. Genau hinlesen lohnt sich in Grado im Regen. Deshalb mein Tipp, lieber Leser: Schenken Sie allen Akteuren Ihre volle Aufmerksamkeit. Und wenn Angelina Maria wieder einmal von Dämonen verfolgt wird, dann nehmen Sie die alte Dame ernst.
Eine Figur fehlt noch: ein Bösewicht. Er scheint unsichtbar zu sein.
Und die Frage nach der Autorin ist auch noch ungeklärt. Wer ist Andrea Nagele und wie kommt die Autorin dazu, sich Grado an der Adria als Tatort auszusuchen und den Leser mit den Dämonen der Angelina Maria Cecon zu konfrontieren?
Im Klappentext findet sich dieser Hinweis zu ihrer Vita: „Andrea Nagele, die mit Krimi-Literatur aufgewachsen ist, leitete über ein Jahrzehnt ein psychotherapeutisches Ambulatorium. Heute arbeitet sie als Autorin und betreibt in Klagenfurt eine psychotherapeutische Praxis. Mit ihrem Mann lebt sie in Klagenfurt am Wörthersee und in Grado.“
Mehr erfahren Sie beim Besuch ihrer Website andreanagele.at.
Grado im Regen erschien im Sommer 2016 und, wie die vorangegangenen Krimis der Autorin auch, bei emons:. 

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