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Arnaldur Indridason: Island

Schattenwege

Schattenwege

Der flächenmäßig zweitgrößte Inselstaat Europas (nach dem Vereinigten Königreich) zählt nicht gerade zu den ersten Urlaubszielen - wir mögen es lieber etwas wärmer. Wer aber die Einsamkeit liebt, sollte sich schon näher mit dieser Option beschäftigen. Schließlich beträgt die Bevölkerungsdichte nur 3,3 Einwohner pro km².
Island hat eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt und soll lt. Statistik das sicherste Land Europas sein. Das bedeutet aber nicht, dass die Insel frei ist von Mord und Totschlag. Arnaldur Indridason liefert mit Schattenwege den Beweis.
Noch ein Hinweis vorweg: Wenn dies Ihr erster Island Krimi ist, dann sollten Sie wissen, dass der Handlungsablauf hier ruhiger ist. Ruhig, nicht langweilig. Die meisten Menschen leben in der Hauptstadt, die übrigen verteilen sich über die gesamte Insel. Stellen Sie sich mal dort in einer ländlichen Region eine Nachbarbefragung vor.
Nachbar?
Welcher Nachbar?
Wer auf der Straße gebeugt geht, fällt sofort auf.
Wer eine schwerwiegende Straftat begangen hat, ist gebrandmarkt. Das Durchforsten von Datenbanken ist schnell erledigt.
Und wenn, wie im Fall einer 1944 erdrosselten Frau, die Ermittlungen noch einmal neu aufgenommen werden, dann kann man die Zuversicht des Ermittlers nur bewundern. Doch stellen Sie sich in Schattenwege unter „Ermittler“ keinen Polizisten im Amt, geschweige denn ein „Ermittlerteam“ vor. Nein, es handelt sich um den pensionierten Polizisten Konrad.
Der allein lebende Konrad erfährt von seiner früheren Kollegin Marta Einzelheiten zum rätselhaften Tod eines alten Herrn. Das einzig Auffällige an seiner Hinterlassenschaft sind einige Zeitungsartikel, die Ermittlungen in einem Mordfall von 1944 betreffen. „Die polizeilichen Akten des Falls scheinen sich irgendwie in Luft aufgelöst zu haben“, sagte Marta. „Ich finde bei uns nichts darüber.“
Konrad erinnert sich an diesen Fall, weil sein Vater etwas damit zu tun hatte. Er bietet Marga vage an, sie bei der Ermittlung zu unterstützen und weicht weiteren Fragen aus.
Der Leser begleitet Konrad bei Besuchen und vorsichtigen Befragungen alter Menschen, die mit dem Mordfall des 1944 hinter dem Nationaltheater erwürgten Mädchen zu tun gehabt haben könnten. Konrad besitzt keine Akte, er ist schließlich (nicht mehr) Polizist; der Versuch, Vertrauen zu wildfremden Menschen herzustellen, die wiederum vor Jahrzenten etwas gehört oder gesehen haben könnten, ist schwierig, sehr schwierig.
Die in zwei Zeitebenen geschilderte Geschichte um die Ermordung eines Mädchens konfrontiert den Leser auch mit den im Jahr der Ermordung geführten Ermittlungen, die in den Händen des isländischen Polizisten Flóvent und seinem ständigen Kollegen, einem Vertreter der amerikanischen Militärpolizei, namens Thorson, liegt. Thorson besitzt zwar kaum Erfahrungen mit polizeilichen Ermittlungen, ist dafür aber hoch motiviert durch großes Interesse. Und das ist ja manchmal auch viel wert.
Ich habe diese Bewertung noch nie verwandt, in diesem Fall scheint sie mir aber angemessen zu sein. Schattenwege ist ein wertvolles Buch. Es erzählt viel und Wissenswertes über das Land, das Leben und einen Teil der Geschichte. Lesen bildet – Krimis erweitern den Horizont und können Interesse wecken.
Das beharrliche Befragen in beiden Zeitebenen, das Berücksichtigen und Ernst nehmen von Fabeln und Fabelwesen, dazu schier unendliche Geduld, gepaart mit Zuversicht. Man möchte den Ermittlern, Konrad heute und Flóvent und Thorson damals, zurufen: Hört auf, das bringt doch nichts. Der Befragte weiß wirklich nichts. Der Verdächtigte ist unschuldig. Nein, es wird ermittelt und befragt. Kopfarbeit – reine Kopfarbeit.
Und dann ist Schattenwege auch ein Regionalkrimi. Ohne Zweifel.
Das Buch erschien im September 2017 bei Bastei Lübbe.
Bei Bastei Lübbe heißt es über den Autor: „Arnaldur Indriðason, 1961 geboren, graduierte 1996 in Geschichte an der University of Iceland und war Journalist sowie Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung Morgunbladid. Heute lebt er als freier Autor mit seiner Familie in Reykjavik und veröffentlicht mit sensationellem Erfolg seine Romane.
Seine Kriminalromane "Nordermoor" und " Todeshauch" wurden mit dem "Nordic Crime Novel’s Award" ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt der meistverkaufte isländische Autor für "Todeshauch" 2005 den begehrten "Golden Dagger Award" sowie für "Engelsstimme" den "Martin-Beck-Award", für den besten ausländischen Kriminalroman in Schweden. Arnaldur Indriðason ist heute der erfolgreichste Krimiautor Islands. Seine Romane werden in einer Vielzahl von Sprachen übersetzt.

 

 

 

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