Meine Kommissare

Cay Rademacher: Frankreich

Brennender Midi

Brennender Midi

Der Autor ist mir sehr vertraut. Den Anfang machten seine drei Kriminalfälle um den Oberinspektor Stave, der in Hamburg während der Nachkriegszeit ermittelt.
Als Cay Rademacher die Provence zu seinem „neuen Tatort“ auserwählte, war ich zunächst verblüfft, konnte mich aber sehr rasch an den Nachfolger des Hamburgers, den Capitaine der Gendarmerie Roger Blanc, gewöhnen. Beide Protagonisten sind keine Helden im landläufigen Sinne, dafür aber höchst glaubwürdige und starke Charaktere. Unbeugsam und leidensfähig bis zur Selbstaufgabe.
Die beiden letztgenannten Eigenschaften treffen in ganz besonderem Maß auf den französischen Ermittler zu. Beruflich ist er mehr als ausgelastet - sein Privatleben ist nicht gerade erstrebenswert. Der Wunsch nach einem Privatleben mag bei Roger Blanc latent vorhanden sein, doch scheint er die plötzliche Trennung von seiner Frau noch nicht ganz verwunden zu haben. Das bedeutet aber nicht, dass Mon Capitaine weiblichen Reizen nicht von Zeit zu Zeit erliegt. 
Die Provence, genauer gesagt die Region Salon de Provence, (sie liegt auf halbem Weg zwischen Marseille im Südosten und Avignon im Nordwesten) ist das neue Zuhause des ehemaligen Korruptionsermittlers Roger Blanc, seit er von Paris hierher „versetzt“ wurde. Zu seinem Team gehören noch der ewige Lieutenant Marius Tonon, dem die meisten Kollegen lieber aus dem Weg gehen und Fabienne Souillard. Eine Computerspezialistin, die der Himmel oder die Bürokratie in den Midi geschickt hat. So beschreibt der Autor die beiden in der beigefügten Personnage am Ende von Brennender Midi
Nicht nur der Protagonist, auch der Leser muss lernen, dass in der Provence (so wie in anderen ländlichen Regionen fernab der Großstädte wahrscheinlich auch) die Uhren anders gehen. Das zeigt Cay Rademacher an vielen kleinen Beispielen, die sich im Laufe der Handlung als ernstzunehmende Hinweise herausstellen. 
So ungewöhnlich wie manche Lebensgewohnheiten und Verhaltensweisen der Bewohner ist auch das Ereignis, das die Ermittlungen in der kleinen Gendarmeriestation auslöst: In dem kleinen Ort Lancon stürzt ein Propellerflugzeug über einem Olivenhain ab. 
Nur ein Unfall? 
Die ersten Zweifel daran kommen auf beim Betrachten der Fakten: Die verunglückte Maschine war ein Flugzeug der Armee, der junge Pilot hatte Augen wie ein Adler (einhellige Meinung seiner Kollegen) und der Olivenhain gehört dem Vorsitzenden der größten Anti-Fluglärm-Initiative in der ganzen Provence (so der Vorsitzende selbst) - er befindet sich in ständigem Streit mit dem nahe gelegenen Flughafen der Armee. 
In einem solchen Umfeld Ermittlungen zu führen grenzt schon an Leichtsinn. In einem solchen Fall steht der Verlierer von vornherein fest. Doch findet Roger Blanc völlig überraschend in seinem Vorgesetzten, mit dem ihn sonst nur herzliche Abneigung verbindet, einen wichtigen Verbündeten. Jetzt soll! er ermitteln. 
Noch wichtiger sind für Blanc allerdings seine bereits vorgestellten Kollegen und deren spezielle Fähigkeiten. Fähigkeiten, die nur den dreien bekannt sind, weil jede für sich genommen eine fristlose Kündigung zur Folge hätte. 
An dieser Stelle verlasse ich die Handlung, denn von jetzt an konfrontiert der Autor den Leser mit Szenarien, die in dieser Zeit (wir befinden uns in er ersten Hälfte des Jahres 2016) kein Europäer für vorstellbar gehalten hat. 
In diesem dritten Provence-Krimi hat Cay Rademacher eine Geschichte um Roger Blanc geschrieben. Er stellt ihn etwas mehr in den Mittelpunkt des Geschehens als in den beiden vorangegangenen Bänden und lässt ihn seine Fähigkeiten ausleben. Blanc ackert, wühlt und sucht sich Verbündete, als ginge es um sein Leben. Er scheint keine Grenzen zu kennen und macht Tonon und Fabienne von Zeit zu mit seinem Vorgehen sprachlos.
Brennender Midi erscheint, wie die übrigen Bände um Capitaine Roger Blanc und die Hamburger Nachkriegs-Krimis um Oberinspektor Stave, bei DUMONT.  

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