Meine Kommissare

Edith Kneifl: Österreich

Todesreigen in der Hofreitschule

Todesreigen in der Hofreitschule

Es hat sehr lange (Jahre) gedauert, bis ich mich mit einem historischen Kriminalroman beschäftig habe. Hätte ich mich weiterhin beharrlich „gewehrt“, wäre mir die Freude an diesem Buch versagt geblieben. So aber bin ich der Empfehlung aus der Ferne (gemeint ist Frau Nadine Rendl vom Haymon Taschenbuch Verlag in Wien) gefolgt und habe fast spielerisch (gewaltige) Wissenslücken aus der Zeit der k. u. k. Monarchie  zumindest teilweise schließen können.
Die Autorin macht es ihren Leser leicht. Von Anfang an geht es rein ins pralle Leben. Nach zwei Seiten, liebe Leser, sind Sie mitten im Geschehen. Das 269 Seiten umfassende Buch mit dem Titel Todesreigen in der Hofreitschule verlangt, zügig gelesen zu werden. Edith Kneifl bietet neben einem Mordkomplott Einblicke in das gesellschaftliche Leben der Stadt. Im Mittelpunkt der Ereignisse stehen politisch motivierte Attentäter, Anarchisten. Die Zerstörung politischer Strukturen ist das Ziel. Mit Unnachgiebigkeit, Härte und Raffinesse gehen die Täter ans Werk.
Opfer des Attentats sind der Budapester Polizeipräsident und der stellvertretende Wiener Polizeidirektor. Warum ausgerechnet die? 
Die Beantwortung auch dieser Frage ist Teil der Ermittlungen. Und überhaupt: Wie wurde eigentlich seinerzeit ermittelt? Wir schreiben schließlich den 1. November 1900. 
Vieles von dem, was es heute gibt, gab es damals noch nicht (vereinfacht ausgedrückt). Was es aber mit Sicherheit gab, das war Bürokratie, die „berüchtigte Bürokratie der k. u. k. Doppelmonarchie“. 
Angesichts der Brisanz der Vorkommnisse hat sich die Staatspolizei in die Untersuchungen der Sicherheits- und gerichtspolizeilichen Abteilung eingeschaltet und somit sozusagen das Kommando übernommen. Mit den Ermittlungen befasst ist gleichfalls der Privatdetektiv Gustav von Karoly. Dieser ist zunehmend mehr an der Aufklärung der Tatumstände interessiert – nicht nur rein beruflich. Die Autorin nutzt geschickt die Figur des Gustav von Karoly, um den Leser mit den Usancen des Gesellschaftslebens vertraut zu machen. Und zwar mit allen Höhen und Tiefen. 
Da bleibt Edith Kneifl sehr realistisch. Wünscht man sich manchmal, Teil der Gesellschaft und der Vergnügungen gewesen zu sein, so folgt ein paar Seiten weiter Ungläubigkeit vor erbarmungswürdigen Lebensumständen. Kleine Schockwellen durchlebt der Leser, ausgelöst durch nüchtern vorgetragene Lebensumstände. Diese Sachlichkeit verhilft dem Buch zu hoher Glaubwürdigkeit.
Und dann fährt die Autorin noch ein Geschütz auf. Angesichts der Heftigkeit und Deutlichkeit komme ich zu keinem anderen Vergleich. Gefühle, Liebe und Leidenschaft kommen nicht zu kurz. 
Todesreigen in der Hofreitschule ist ein höchst lebendiger historischer Kriminalroman, nach dessen Lektüre man froh ist, ihn gelesen zu haben. Ganz nüchtern gesagt: Sie hätten etwas versäumt. 
Das Buch erschien Anfang 2019 im Haymon Taschenbuch Verlag, Wien. Es gehört zu einer Reihe von historischen Wien-Krimis der Autorin. 
Diese Informationen zur Vita von Edith Kneifl fand ich beim Haymon Verlag: "Als Edith Kneifl 1992 den Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres erhielt, war das gleich eine doppelte Premiere: Zum ersten Mal wurde eine Frau mit dem renommierten Preis ausgezeichnet, und zum ersten Mal ein österreichischer Kriminalroman. Mittlerweile hat sich Kneifl längst als die Wiener Krimi-Queen etabliert. Die Romane der 1954 in Wels geborenen und heute in Wien lebenden freien Schriftstellerin sind vielfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Zahlreiche Literaturpreise und -stipendien, darunter die ROMY 2003 für die Verfilmung des Romans "Ende der Vorstellung" und 2018 der Ehrenglauser." 

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