Meine Kommissare

Ferdinand von Schirach: Berlin

Der Fall Collini

Der Fall Collini

Caspar Leinen hat sich wie viele junge Anwälte in die Liste für den Notdienst der Strafverteidigung eintragen lassen. Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter hatten diese Telefonnummer. Wurde jemand festgenommen und verlangte einen Anwalt, konnten die Behörden dort anrufen. Junge Anwälte bekamen so ihre ersten Mandate – Caspar Leinen wird so dem Beschuldigten Fabrizio Collini als Pflichtverteidiger beigeordnet.
An der Schuld des Beklagten besteht nicht der leiseste Zweifel. Er hat Jean-Baptiste Meyer, Eigentümer und Vorsitzender des Aufsichtsrates der SMF Meyer Maschinen Fabriken, und einer der reichsten Männer der Bundesrepublik, in seiner Hotelsuite ermordet. Collini hat aus seinem Hass auf diesen Menschen keinen Hehl gemacht und nach der Tat in der Hotellobby ruhig auf das Eintreffen der  Polizei gewartet.
Fabrizio Collini wird über seine Rechte aufgeklärt, er ist freundlich und ruhig, möchte sich aber zu dem Vorwurf nicht äußern. Der junge Anwalt ist mit seinem ersten Mandanten sehr geduldig – allein, es hilft nichts. Wenigstens das Zugeben der Tat könnte sich strafmildernd auswirken.
Und dann erfährt Caspar Leinen das für ihn Unfassbare. Der Ermordete hieß mit richtigem Namen Hans Meyer. Diesem Hans Meyer hatte er wunderbare Kindheitserinnerungen zu verdanken. Dieser Hans Meyer war für ihn und seinen Freund Philipp, Hans Meyers’ Enkel, Lehrmeister in allen Fragen, die Jungen beschäftigen. Johanna, Philipps Schwester, ruft ihn an: „Caspar, warum tust du das? Warum verteidigst du dieses Schwein? Du verteidigst den Mörder meines Großvaters."
Für das Eindeutschen in Hans Meyer gibt es eine Erklärung. Der von seiner französischen Mutter Jean-Baptiste Genannte wollte später keinen komplizierten Namen. So einfach war das.
Ferdinand von Schirach, der seit 1994 als Strafverteidiger in Berlin arbeitet, verschafft dem Leser Schritt für Schritt Zugang zu einer Welt, die den meisten Bürgern aufgrund ihres untadeligen Lebenswandels verschlossen bleibt. Wohl kaum einer ist neugierig darauf, den Ablauf eines Schwurgerichtsprozesses kennenzulernen oder sich gar mit möglichen Fallen zu beschäftigen, die Beschlüsse über Verjährungsfristen in sich bergen.
Nein, lieber Leser, Der Fall Collini soll nicht diejenigen ansprechen, die hauptberuflich mit Recht und Gesetz umgehen oder gar für deren Einhaltung zuständig sind. Dieses Buch führt den Leser langsam und unaufhaltsam zu einer furchtbaren Erkenntnis, die zudem wahr ist und die Mehrheit der Bevölkerung interessieren müsste. Den Weg dorthin geht der junge Anwalt Caspar Leinen, die weder ahnt, geschweige denn ahnen kann, was ihn am Ende erwartet.
Als Strafverteidiger ist Ferdinand von Schirach gewohnt, sich der Worte zu bedienen. Sie sind seine Waffe in der täglichen Auseinandersetzung. Sein Können beweist er dem Leser in diesem Buch, in dem er ihn teilnehmen lässt an eindrucksvollen Beispielen wortgewandter Rhetorik.
Es gibt weder Verfolger noch Verfolgte. Keine tollkühnen Wendungen – stattdessen saubere Recherche und klare Erkenntnisse.
Dies ist ein erstklassiger Krimi, ganz nah am Thriller, was die Spannung betrifft. Die Informationen im Klappentext sind knapp gehalten: „Ferdinand von Schirach wurde 1964 in München geboren. Er arbeitete 20 Jahre als Strafverteidiger. Mit 45 Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch. Ferdinand von Schirach lebt in Berlin.“ Ein Besuch seiner Website schirach.de zeigt die Bandbreite seines Schaffens und lohnt einen Besuch.
Das mir vorliegende Buch Der Fall Collini ist die 2. Auflage und erschien im Jahr 2011 bei PIPER.

 

 

 

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