Meine Kommissare

GallertReiter: Berlin

Kopfjagd

Kopfjagd

Das Wissen um die beiden Autoren Peter Gallert und Jörg Reiter ist im Fall von Kopfjagd sehr wichtig. Deshalb beginne ausnahmsweise mit der Vita der beiden Herren:
Der Verlag emons:, bei dem dieses Buch im September 2016 erschien, schreibt zu den beiden: „Peter Gallert, 1962 in Bonn geboren, brach erfolgreich ein Germanistikstudium ab, jobbte als Nachtportier und Bauarbeiter, spielte Theater und schrieb Jerry-Cotton-Krimis und Synchronbücher. Seit zwanzig Jahren arbeitet er als Drehbuchautor für TV‑Serien von Krimi bis Krankenhaus. Er ist Karate-Kindertrainer, hat drei Töchter und lebt mit seiner Familie in Köln.“„Jörg Reiter, 1952 in Düsseldorf geboren, studierte Ethnologie, Malaiologie sowie Film- und Fernsehwissenschaft, gefolgt von einem Forschungsaufenthalt bei Seenomaden und einer zweijährigen Feldforschung bei Bergstämmen in den Nordphilippinen. 1986 promovierte er im Fach Ethnologie; 1991 wechselte er von der Wissenschaft zum Erzählen. Seit zwanzig Jahren arbeitet er als Drehbuchautor. Jörg Reiter lebt in Köln.“
Beim Lesen des Buches wird die Aufgabenverteilung schnell klar. Gallert und Reiter haben ihr Wissen und vor allen Dingen ihre Erfahrung in vollem Umfang eingebracht. Keiner drängt sich vor, der Text ist flüssig und scheint aus einer Feder zu kommen.
So ungeheuerlich das Verbrechen und seine Umstände in Kopfjagd auch sind, die Aufklärung gehört einzig auf den Schreibtisch von Heiko Brandt, Hauptkommissar beim LKA 1 in Berlin. Er leitet das „Sonderdezernat für Tötungsdelikte mit fremdkulturellem Hintergrund“. Nicht nur diese Spezialisierung schafft Distanz zu seinen Kollegen, sondern auch der Umstand, dass er sich inmitten der Großraumbüros mit schlichten Mitteln ein „Terrarium“ genanntes Büro geschaffen hat. Brandt ist ein Einzelgänger durch und durch, Meinungen und Ansichten seiner Kollegen scheren ihn wenig. Er schafft Distanz zu anderen durch bewusste Wortkargheit. Geprägt ist sein Verhalten durch ein traumatisches Ereignis während der Zeit, als er als Ethnologe unter südostasiatischen Seenomaden und philippinischen Bergstämmen gelebt hat.
Oberstaatsanwalt Gunnar Siegrist hatte das spezielle Dezernat für seinen Freund Heiko vor sechzehn Monaten geschaffen und verlangt jetzt, dass Brandt den Mord an dem toten Araber federführend bearbeitet – ein Umstand, der dem Ermittler noch mehr Einsamkeit im Präsidium beschert, wenn es überhaupt noch eine Steigerung seines Zustandes gäbe. Und genau zu diesem Zeitpunkt soll Oberkommissarin Zehra Erbay auf Weisung des Oberstaatsanwaltes mit Heiko Brandt ein Team bilden. Die junge Türkin ist eher von kleiner Statur und scheint, bildlich gesprochen, der berühmte Tropfen zu sein, der das Fass (gemeint ist die Bfindlichkeit Brandts zum Überlaufen bringen könnte.
Nur mühsam und quälend langsam bilden die beiden so etwas wie eine Zweckgemeinschaft, zum Nutzen beider übrigens.
Die Erfahrung des Hauptkommissars und die Power (jeder andere Begriff wäre zu schwach) der jungen Frau sind gute Voraussetzungen, um überhaupt etwas Licht in das Dunkel des Falles zu bringen. Unüberwindbare Hindernisse wegen diplomatischer Immunität, illegaler Waffenhandel und zum Überfluss „hausinterne“ Auseinandersetzungen zwischen LKA und MK, das ist purer Sprengstoff für die beiden Kommissare, mit dem sie täglich umgehen müsen. 
Und doch ist eine Steigerung der Spannung möglich. Nicht nur weil es ein weiteres Opfer gibt. Nein, weil Gallert und Reiter es verstehen, die Vorstellungskraft des Lesers zu sprengen, indem sie ihm Zugang zu einer Welt außerhalb seines Vorstellungsvermögens verschaffen. Kopfjagd ist ein handwerklich ausgezeichneter Kriminalroman, dem ich gern das Prädikat Thriller geben möchte. Er hat es verdient.

 

 

 

Alle Rezensionen von GallertReiter

Facebook