Meine Kommissare

Heike Denzau: Schleswig-Holstein

Das Haus am Moor

Das Haus am Moor

Ein Entführungsfall ist ein fast schon beliebtes Thema für einen Krimi. Der erfahrene Leser kennt inzwischen die üblichen Abläufe und könnte auch hier und da helfend eingreifen. "Rufen Sie auf keinen Fall die Polizei, sonst...", "Kommen Sie allein...", usw.
Was will ich damit sagen? Wenn jetzt aktuell ein (weiterer) Entführungsfall beschrieben wird, dann muss sich die Autorin bzw. der Autor sehr sicher sein, dass er dem Leser etwas Neues bietet. Eine mehr als nur lesenswerte Variante. Aber wenn Heike Denzau sich (zusammen mit Lyn Harms) an dieses Thema heranwagt, dann kann die Leserschaft erstens beruhigt und zweitens gespannt sein.
Es beginnt eigentlich schon damit, dass während der so sorgsam geplanten Entführung etwas schiefläuft. Und zwar gewaltig. Ein Schock, nicht nur für die Familie des Entführten, sondern auch für die Entführer. Etwas nicht Geplantes ist geschehen. Etwas Unvorhergesehenes, das von nun an das weitere Vorgehen belastet. Den Coup haben die Kidnapper sorgsam geplant. Doch sehen sie sich von einem auf den anderen Moment mit einem Problem konfrontiert, das sie nur scheinbar in Griff bekommen.
Es sind zwei Kammerspiele, die Heike Denzau inszeniert hat. Eines spielt im Haus der betroffenen Familie und eines im Haus der Entführer. Die Stimmungsbilder sind höchst eindrucksvoll. Die Beschreibung winziger Details verleihen der Geschichte hohe Glaubwürdigkeit, so dass den Lesern sprichwörtlich die Haare zu Berge stehen. Man möchte eingreifen. Dies verhindern und jenen warnen. Kann aber nur Zuschauen. Hilflos.
Das ist noch nicht alles. Es gibt noch eine dritte Gruppe: Die Ermittler. Klar, es finden die üblichen Befragungen und auch Verhöre statt. Langsam ergeben die Puzzle-Steine ein ungefähres Bild. Lyn gibt sich souverän. Warum auch nicht. Sie hat guten Grund, mit ihrer Arbeit zufrieden zu sein. Schließlich ist sie ihrem Ziel zur Aufklärung des Falles ganz nah. Sie ist felsenfest von der Richtigkeit ihres Vorgehens überzeugt. Es ist alles so logisch. Alles passt so schön zusammen. Es kann gar nicht anders sein.
Kommt da noch etwas? Läßt sich die Spannung noch steigern?
Heike Denzau sagt ja. Sie kann.
Selten habe ich diese Autorin so böse erlebt.
Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit habe ich in diesem Fall Lyn Harms und Familie wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Damit will ich zeigen, wie wichtig mir die eigentliche Handlung ist. Entschuldigen Sie bitte, Frau Harms.
Das Haus am Moor erschien Anfang 2020 bei emons:, wie die vorangegangenen Krimis der Autorin auch. 

Alle Rezensionen von Heike Denzau

Facebook