Meine Kommissare

Heinrich Steinfest: Wien

Cheng

Cheng

Ein höchst ungewöhnlicher Krimi, der den, sagen wir mal typischen, Krimileser ständig verwirrt. Also, es ist ein Krimi und die Handlung spielt weitgehend in Wien. Es gibt auch einen Ermordeten, einen Privatdetektiv, den Protagonisten, und einen Kommissar. Der Mord wird auch aufgeklärt.
Der Autor hat sich alle, aber auch wirklich alle, Freiheiten genommen, sein Wissen um die Besonderheiten und Auffälligkeiten österreichischer Bürger und die speziellen Verhaltensmuster der Wiener Obrigkeit dem Leser ungeschminkt und gekonnt nahe zu bringen. Ich vermag nicht zu beurteilen, welche Absicht Heinrich Steinfest mit diesem Buch in erster Linie verfolgen wollte: Ein Krimi zu schreiben, einen Wiener Krimi zu schreiben oder eine Gesellschaftsstudie mit Mord und Totschlag und kräftigen Seitenhieben.
Eigentlich ist es auch egal. Der Leser sollte nur gewarnt sein vor der Fülle und Ausschmückung von Beschreibungen, die Beiwerk zur Handlung sind und mit ihrer Üppigkeit den Leser geradezu überfallen. Wer Freude an der Sprache hat, wird dieses Buch als Entdeckung feiern und den Richtigen weiterempfehlen.
Die Frage nach der Vita des Autors beantwortet der Piper Verlag im Klappentext so: „Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart – das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers Heinrich Steinfest, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet, erhielt den Stuttgarter Krimipreis 2009 und den Heimito-von-Doderer-Preis. Ein dickes Fell wurde für den Deutschen Buchpreis 2006 nominiert. Zuletzt erschien sein Kriminalroman Die Haischwimmerin.
Zurück zum Buch.
Einen ganz besonderen Protagonisten hat der Autor geschaffen: Den Chinesen Cheng mit Vornamen Markus, der in Wien zur Welt kam, der weder ein Chinalokal besitzt noch Tischtennis spielt und dem Chinesisch völlig fremd ist. Ach ja, in China war er auch noch nie und seine Eltern ruhen auf einem Wiener Friedhof.
Sein Detektivbüro läuft auf den Namen Böhm, benannt nach dem Namen seiner geschiedenen Frau.
Er wirkt weder besonders sympathisch noch weist er auch nur ansatzweise unsympathische Wesenszüge auf. Der Leser verfolgt sein Handeln mit wachsendem Interesse, der Verlust eines Armes verleiht ihm nichts Heldenhaftes. Heinrich Steinfest haucht dem Chinesen genügend Leben ein, damit man ihm zumindest einen Daumen beim Durchleben seiner Abenteuer drückt.
Als sein ehemaliger Auftraggeber ermordet wird, wird Cheng von der Polizei, in Gestalt von Kriminal-Oberstleutnant Straka, Mordgruppe drei in Wien, um Hilfe gebeten. Straka erkennt rasch, wen er vor sich hat und so ist es nicht verwunderlich, dass die beiden nicht nur zusammen ermitteln, sondern auch einen sehr ausgedehnten Kneipen-Abend mit allem was dazu gehört miteinander verbringen.
Hinweis: In diesem Buch kann man nicht kurz vor dem Einschlafen mal eben drei Seiten lesen. Dazu ist es zu schade, dafür hat es der Autor nicht geschrieben.
Die Handlung ist teilweise fast aberwitzig, das sollte der Leser einfach mal so hinnehmen, wenn dann aber die „besonderen Stellen“ kommen, heißt es runter mit dem Lesetempo und genießen. Mir ging es jedenfalls so.
Cheng ist der erste von vier Bänden in der Markus-Cheng-Reihe, die 1999 begann und 2010 mit Batmans Schönheit endete. Die Bücher erscheinen sämtlich als Taschenbuchausgabe bei Piper.

 

Ich nehme mir die Freiheit und ordne Cheng als Regionalkrimi ein. Es gibt genügend detaillierte Beschreibungen der Stadt, was für mich aber noch bedeutsamer ist, von der besonderen Mentalität der Menschen. Heinrich Steinfest hat sich die Menschen ganz genau angeschaut und ihnen zugehört. Zu manchen seiner Feststellungen gehört schon Mut.

 

 

 

 

 

 

 

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