Meine Kommissare

Lenz Koppelstätter: Südtirol

Die Stille der Lärchen

Die Stille der Lärchen

Das Umschlagmotiv wirkt so einladend und friedlich. Dazu passend der Titel Die Stille der Lärchen. Ein Krimi aus Südtirol. Der Leser nimmt dankbar zur Kenntnis, dass der Autor es nicht versäumt hat, Kartenmaterial beizufügen, das jegliche Recherche im Internet überflüssig macht. Er kann sich somit zu einhundert Prozent auf den Inhalt zwischen den Buchdeckeln konzentrieren.
Im Prolog, auf den Seiten fünf und sechs, schafft es Lenz Koppelstätter, seinen Leser in eine kaum zu steigernde Wohlfühlstimmung zu versetzen.
Dann folgt der Stimmungsumschwung: hart und brutal.
„Die Marie ist tot. Alles ist voller Blut. Kommen Sie schnell! Ich weiß nicht … kommen Sie!“, das waren die Worte, die der diensthabende Polizist sich notiert hatte.
Von jetzt an nimmt der Autor keine Rücksicht mehr auf die mögliche Befindlichkeit des Lesers. Er erzählt haarklein, wie es zugeht im Ultental, wie es dort schon immer zugegangen ist. Wer das Sagen hat, wie hier gelitten und geschwiegen wird. Was und wieviel man der Obrigkeit sagt und was man tunlichst verschweigt, wenn man noch eine Zukunft im Tal haben will. Die Macht des Pfarrers und die Ohnmacht des Bürgermeisters bestimmen das Leben im Tal. Wer hier arm ist, wird es immer bleiben und wer Geld hat, kann es scheinbar mühelos mehren.
Auf dieses Szenario stoßen Commissario Johann Grauner (stets nur Grauner genannt) und sein Ispettore Claudio Saltapepe. Grauner ist außer Commissario auch noch Viechbauer, der jeden Tag die frühen Morgenstunden vor Dienstbeginn im Stall bei seinen Kühen verbringt. Mit Saltapepe aus Neapel verbinden ihn eigentlich nur berufliche Interessen. Aber jeder achtet den anderen, nimmt Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten und ist zuverlässiger Kollege.
Eigentlich ist die schreckliche Geschichte um das erschossene Mädchen auf den ersten Seiten zu Ende. Es gibt ein Geständnis. Das interessiert die Dorfbewohner und den Pfarrer wenig, sie fordern Gottes Strafe für den Sohn des Geständigen.
Es sind also Ermittlungen, Verhöre, Gespräche und Untersuchungen notwendig. Und vor allen Dingen das Stöbern in der Vergangenheit. Nicht nur die Geschichte des Tales sondern auch die Geschichten, die sich um die alteingesessenen Familien ranken, werden bei Lichte betrachtet.
Lenz Koppelstätter zeichnet ein genaues und für den Außenstehenden nachvollziehbares Bild vom Leben in einem abgelegenen Tal und vor allen Dingen von der Geschichte des Ultentals. Denn wie so häufig, hat auch die unwahrscheinlichste Geschichte einen wahren Kern. Der Autor ist nicht nur ein vortrefflicher Autor, er ist darüber hinaus ein Kenner der Region und er liebt die Menschen. Sonst könnte er nicht seine Figuren so detailgetreu beschreiben.
Mit Grauner möchte man einen oder mehrere Rote trinken, am besten im Schwarzen Adler, und mit Saltapepe in seinem Alfa durch die Berge fahren.
Die Stille der Lärchen erschien im Oktober 2016 und, wie der erste Band um Commissario Grauner, im Verlag Kiepenheuer &Witsch (KiWi).

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