Meine Kommissare

Marek Krajewski: Schlesien

Der Kalenderblattmörder

Der Kalenderblattmörder

Wie schaffe ich es, den Leser so rasch und umfassend wie möglich in die Stimmung zu versetzen, die 1927 in Breslau, dem heutigen Wroclaw, herrschte?
In dem ich den einleitenden Klappentext zitiere:
„Breslau 1927. Die Damen der Gesellschaft geben sich in ihren eleganten Wohnungen der Musik und auch hie und da einer Orgie hin. In den Kneipen hocken verkommene Gestalten, in den Hinterzimmern wird Kokain geschnupft…“
Es wird in Unmaßen gegessen, getrunken und geraucht. Keiner scheint dem exzessiven Treiben derer, die es sich leisten können, Einhalt gebieten zu wollen. „Man“ fährt in Droschken durch die Straßen, trifft sich in der Oper und genießt das Leben.
Diese Menschen dürften in der Minderheit gewesen sein. Dem überwiegenden Teil der Bevölkerung ging es nicht so gut und vielen ging es schlecht, um nicht zu sagen: dreckig – im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Polizeipräsidium lag am Schweidnitzer Stadtgraben. Zuständig für die Aufklärung von Verbrechen sind 1927 Kriminalrat Eberhard Mock und Kriminalwachtmeister Kurt Smolorz. Welche Eigenschaften seinerzeit gefragt waren, mag diese kurze Beschreibung verdeutlichen: „Kriminalwachtmeister Kurt Smolorz gehörte zu den besten Mitarbeitern des Breslauer Polizeipräsidiums. Die Verbrecher zitterten vor seiner Brutalität, und seine Vorgesetzten lobten die Knappheit seiner Berichte. Einer seiner Vorgesetzten schätzte noch andere Eigenschaften – Aufmerksamkeit und die Fähigkeit zum Mitdenken.“
Und dann ist da noch der Protagonist dieses und der weiteren Breslauer Krimis: Eberhard Mock, vierundvierzig Jahre alt. Einerseits ein Herr, der mit seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau und Personal in einer eleganten Fünf-Zimmer-Wohnung wohnt, andererseits ein unnachgiebiger, schnell reagierender Polizist, dem nahezu jedes Mittel recht zu sein scheint, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Kaum vorstellbar, mit welcher Härte er aus Verdächtigen ein Geständnis herausprügelt. Lieber Leser, Sie sind entsetzt?
Kann ich verstehen, aber Sie haben dieses Buch noch nicht gelesen. Das Verhalten des Ermittlers Eberhard Mock muss man aus der Handlung heraus nachvollziehen.
Mock ist kein Dummkopf, im Gegenteil, er ist sehr gebildet – hochgebildet. Ein Beispiel: „Mock ging zu seiner üblichen Methode der Selbstbeherrschung über: der stillen Rezitation von Horaz´Ode Exegi monumentum aere perennius …Und wenige Augenblicke später heißt es …In dem Moment drehte er sich jäh um und versetzte dem Sicherheitsmann den ersten Schlag.“
Mock liebt seine Frau, er ist aber nicht imstande, sie zu lieben.
Mock scheut sich nicht, im buchstäblichen Dreck zu wühlen. Er packt selbst mit an.
Mock hasst es, wenn Menschen, die schwach und hilflos sind, übel mitgespielt wird. Dabei kann es sich um Kinder oder um Alte handeln. Für diese Wehrlosen setzt Mock sich ein. Sofort und persönlich. Wehe dem, der von Mock in einem solchen Fall als Übeltäter entlarvt wird.
Der Kalenderblattmörder ist ein Krimi mit literarischem Anspruch. Er spiegelt Zeitgeschichte mit einer Intensität wieder, die jeden Krimileser begeistern muss. Marek Krajewski ist ein Vollblut-Schreiber, anders kann ich ihn nicht beschreiben. Eigentlich scheue ich Vergleiche, aber in diesem Fall drängt sich für mich die Nähe zu seinem italienischen Kollegen Andrea Camilleri auf.
Das Buch erschien erstmals im März 2008 und wie auch die anderen vier Bände, bei dtv. Es stand bereits seit geraumer Zeit in meinem Regal und wartete darauf „gelesen“ zu werden. Aber erst eine Fahrt nach Breslau vor einigen Wochen führte zum Entschluss, es auch zu tun. Ich wollte an diesem Tatort ganz nah dran sein - Breslau hatte mich bereits vor sechs Jahren begeistert. 

 

Alle Rezensionen von Marek Krajewski

Facebook