Meine Kommissare

Martina Bick: Schleswig-Holstein

Tod im Priel

Tod im Priel

Die „vorzeitige Beendigung einer Beamtenstellung auf Lebenszeit“. Das droht, in nüchternem Amtsdeutsch, der Kriminalkommissarin Anne Schumacher aus Hamburg. Beim Einsatz gegen eine Drogenbande hatte die Mitte Dreißigjährige unangemessen scharf reagiert, mit katastrophalen Folgen. Jetzt wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt.
Anne besitzt keine Waffe mehr, hat ab jetzt viel Zeit und eine gute Freundin, namens Britt. Britt hat von ihrer verstorbenen Tante am Tümlauer Koog direkt am Deich auf der Halbinsel Eiderstedt ein Haus geerbt. Aus Sicht der Erbin eine Bruchbude, aus Annes Sicht eine Möglichkeit, sich hier zu erholen, ihre Gedanken zu ordnen und so etwas wie die nähere Zukunft zu planen.
Lieber Leser, wenn Sie nicht ortskundig sind, sollten Sie sich ab sofort mit Hilfe von Google Maps (oder einem Atlas) Orientierungshilfe verschaffen. Wenn Sie dazu keine Lust haben, stellt Ihnen Martina Bick auf 224 Seiten die Halbinsel Eiderstedt vor. Keine Sorge, dieses Buch erhebt nicht den Anspruch eines Fremdenführers. Aber die Art und Weise, wie sie den Leser mit Land und Leuten vertraut macht, ist in höchstem Maße bewundernswert. Das ist gewissermaßen die eine Seite des Buches. Eine weitere sind die Menschen, die direkt und indirekt mit der verstorbenen Hilde zu tun hatten. Die Bandbreite der Charaktere, die sich um Hilde rankten, ist groß. Dazu gehören eine erfolgreiche Hamburger Psychotherapeutin ebenso wie Folkert, der Sohn von Frau Petersen, ein massiger junger Mann, der so aussieht wie ein Bauer im Fernsehen.
So viel über Eiderstedt und immer noch kein Mord?
Wie denn auch?
Alle, die Hilde kannten, sagen, sie sei verunglückt. Wie auch immer. Ertrunken im Priel. Die Polizei hat ermittelt, ihre Pflicht getan, der Vorgang wurde zu den Akten gelegt.
Anne hingegen ist erstens Kriminalkommissarin (mit einer bemerkenswert hohen Aufklärungsquote), zweitens neugierig und hat drittens Zeit.
Sie richtet sich in der „Bruchbude“ häuslich ein, bewirtschaftet den vernachlässigten Garten und stellt sich und den Nachbarn Fragen zu Hilde. Ruhig, leise, unverdächtig, unaufgeregt.
Anne nimmt den Leser mehr und mehr für sich ein. Allmählich werden ihre beruflichen Qualitäten deutlich. Sie ist kein Terrier, sie verbeißt sich auch nicht in abstruse und abenteuerliche Überlegungen. Sie beobachtet die Menschen, ist für zwischenmenschliche Signale empfänglich und ist in diesen Momenten ganz Frau, verliert aber nie ihr Ziel aus den Augen.
Martina Bick verzichtet auf Action, weil sie darauf verzichten kann. Vielmehr bietet sie dem Leser Einblicke in das Seelenleben ihrer Figuren und seziert leidenschaftslos Verhaltensmuster. Immer schön nüchtern und sachlich, nie mit erhobenem Zeigefinger.
Wer Eiderstedt kennt, kann ihren Beschreibungen nur zustimmen, wer diese Landschaft noch nicht kennt, wird neugierig.
Tod im Priel erschien im Juli 2017 bei emons:.
Über die Autorin steht im Klappentext: „Martina Bick schreibt Kriminalromane, Romane und Kurzgeschichten und gibt Anthologien heraus. Sie erhielt verschiedene Preise und Stipendien. Als Musikwissenschaftlerin ist sie Mitarbeiterin in der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und Referentin der Gleichstellungsbeauftragten.“

 

 

 

Alle Rezensionen von Martina Bick

Facebook