Meine Kommissare

Reinhard Pelte: Sylt

Inselgötter

Inselgötter

Reinhard Pelte hat um den Ermittler Tomas Jung eine Geschichte geschrieben. Der ist Leiter des S-Kommissariats bei der Bezirkskriminalinspektion Flensburg, dem Dezernat für unaufgeklärte Verbrechen. Zu Tomas Jung gehört nahezu untrennbar die junge Kriminaloberkommissarin Charlotte Bakkens.
Lieber Leser, erinnern Sie sich an Joachim Król, in seiner Rolle als Kriminalhauptkommissar Frank Steier, und seine Partnerin Nina Kunzendorf alias Conny Mey, im Frankfurter „Tatort“ (diese Serie wurde leider Anfang 2015 eingestellt).
Tomas Jung ähnelt ganz stark Frank Steier und Charlotte Bakkens erinnert mich sehr an Conny Mey.
Vor allen Dingen ist es Jung, den der Autor mit viel Liebe und Sorgfalt geschaffen hat. Ein ausgesprochen sperriger und spröder Ermittler, ausgestattet mit einer gehörigen Portion Eigensinn, einer fast schon maßlosen Bescheidenheit und ganz in seiner Arbeit aufgehend. Die Figur Jung ist in Inselgötter wichtig. Denn nur ein Ermittler mit seinen Eigenschaften und Eigenheiten ist in der Lage, die gestellte Aufgabe zu bewältigen. Jung ist Spezialist für unaufgeklärte Fälle, man kann auch sagen, er wird gerufen, wenn andere mit ihrem Latein am Ende sind. So auch in diesem Fall, als ihn sein Vorgesetzter Holtgreve über mehrere Seiten intensiv bearbeitet, einen Fall zu übernehmen, der bislang ergebnislos von einem Kollegen bearbeitet wurde. Ein ausgiebiges Mittagessen und eine Flasche Wein können Jung noch nicht überzeugen. Erst dem Druck von „ganz oben“ gibt Jung allmählich nach. Der Kommissar ist kurz davor, zu explodieren, als ihm Hogreve anschließend mit größtem Selbstverständnis Charlotte Bakkens zur Seite stellt. Jung mag es einfach nicht, wenn Dritte ihm Vorschriften machen.
Doch das ungeklärte Schicksal von vier Vermissten und die Zusicherung uneingeschränkter Unterstützung (wieder) von „ganz oben“ brechen den Widerstand des Ermittlers. 
Jung lässt sich weder von Glanz und Glamour noch von Titeln der beteiligten und zu befragenden Personen beeindrucken. Daraus macht er zu keiner Zeit einen Hehl. Eine zu diesem etwas verqueren Charakter passende, weil ausgleichende, Ergänzung ist die Kriminaloberkommissarin Charlotte Bakkens. Er sagt stets „Charlotte“, sie sagt stets „Chef“. 
Charlotte ist klug und weiß den „Chef“ zu nehmen, obwohl sie manche ruppige Bemerkung zu hören bekommt – das ist aber stets nie böse oder abfällig gemeint. Die beiden sind seit ihrem erfolgreich gelösten Fall Inselroulette ein eingespieltes Team. 
Vier zeitgleich vermisste Personen, ergebnislose Ermittlungen eines Kollegen und eine hohe Erwartungshaltung auf Seiten des Polizeipräsidenten. Das ist die Ausgangssituation. 
Der Autor ist sparsam mit Worten. Er lässt alles weg, was nicht zur Sache gehört. Die Beschreibungen der Region könnte auch ein NAVI liefern, was gleichzeitig ein Hinweis auf die Genauigkeit bedeutet. 
Zwischendurch ein Kompliment an den Autor: Er zeigt, dass er sich hier, wo Jung und Charlotte ermitteln, auskennt. 
Jung ist nicht nur Polizist, er ist auch Ehemann, Vater und ein Mensch, der sich schon Gedanken zu seinem sehr speziellen Verhaltensmuster macht. Er geht kritisch mit sich selbst um. Kleine Schwärmereien während knapper Pausen bleiben schön in seinem Kopf. Sein Mitteilungsbedürfnis ist nicht sonderlich ausgeprägt. 
Tomas Jung ist ein achtenswerter Alltagsheld, dem man gern bei der Arbeit und Bewältigung der Aufgaben zuschaut.
Inselgötter, der siebte Band um Tomas Jung, erschien Anfang 2016 und, wie alle anderen auch, beim Gmeiner-Verlag.  

 

 

 

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