Meine Kommissare

Ross Macdonald: Amerika

Schwarzgeld

Schwarzgeld

Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien zwischen Gut und Böse. Kein Tatort, folglich weder Spurensicherung noch DNA-Analyse und auch kein Gerichtsmediziner, der die Ermittler auf später vertröstet.
Was bietet Ross Macdonald seinen Lesern dann?
Literatur. Und zwar höchst anspruchsvolle. Und einen soliden Detektivroman. Außerdem verschafft dieses Buch dem Leser einen Einblick in die Gesellschaft Amerikas während der sechziger Jahre. Bei WIKIPEDIA fand ich zum Leben des Autors diese Hinweise, die eine gute Einstimmung zur Lektüre von Schwarzgeld sind: „Zentrales Thema der Detektivromane Macdonalds sind gestrauchelte Jugendliche und die Schuld ihrer Eltern. Die meisten Romane Macdonalds beinhalten verästelte, weit in die Vergangenheit zurückreichende kriminelle Verstrickungen, die vom Privatdetektiv Lew Archer aufgelöst werden. Macdonald führte somit als einer der ersten Krimiautoren der Gattung die Gedanken der Psychoanalyse zu. Neben Dashiell Hammett und  Raymond Chandler gilt Ross Macdonald als einer der wichtigsten Vertreter der harten Schule des Detektivromans. James Ellroy nennt ihn als eines seiner Vorbilder. Zwei Lew-Archer-Romane wurden mit  Paul Newman als Detektiv verfilmt (Harper, 1966 und The Drowning Pool, 1975); allerdings heißt der Ermittler in den Filmen aus rechtlichen Gründen Harper statt Archer.“ Ende des Zitats. 
Die Originalausgabe erschien 1966 unter dem Titel Black Money.
Diese deutsche Übersetzung, Schwarzgeld, erschien im September 2016 bei Diogenes als fünfter Band einer Reihe von Neuübersetzungen. Ross Macdonald schrieb insgesamt achtzehn Bände um seinen Protagonisten Lew Archer. 
Schauplatz der Handlung ist der elegante Tennisclub im Villenviertel Montevista, das eng mit der benachbarten Hafenstadt Pacific Point (Kalifornien) verbunden ist und nicht allzu weit von Los Angeles entfernt liegt. Pacific Point ist real, das am Meer gelegene Viertel Montevista hingegen fiktiv, wie auch die übrigen im Laufe der Handlung erwähnten Plätze. Allerdings vermitteln die stets sehr präzisen Beschreibungen der Örtlichkeiten dem Leser ein Höchstmaß an Echtheit.
Montevista ist nicht nur Schauplatz der Handlung sondern auch Tummelplatz der Schönen, Reichen und Weißen.
Sie haben richtig gelesen.
Auf dem Gelände des mondänen Tennisclubs lebt man, spielt man und vergnügt sich. Und zwar unter strengem Ausschluss derer, die nicht hierher gehören. Und damit das so bleibt, benötigt man für die gewünschte Mitgliedschaft eine Bürgschaft von mindesten einem Mitglied und muss vom Mitgliedschaftskomitee aufgenommen werden.
Diese Wohlfühlstimmung wird von einem Eindringling gestört, der dem jungen Peter Jamieson den Grund dafür liefert, den Privatdetektiv Lew Archer mit einer Aufgabe zu betrauen.
Eigentlich wollte Peter Jamieson seine Freundin Ginny heiraten, eine wunderschöne und überdies kluge junge Frau. Bis Francis Martel im Club auftaucht und es schafft, sich dort einzunisten. Ginny scheint Francis verfallen zu sein. Unerklärlich für den verwöhnten Peter Jamieson, Sohn sehr vermögender Eltern. Lew Archer soll Ginny zurückholen.
Es geschieht immer noch kein Mord.
Stattdessen erlebt der Leser viele literarische Highlights. Eine andere Beschreibung fällt mir zu diesen unglaublich treffenden und kühnen Charakterisierungen, mit denen der Autor Menschen mit wenigen Zeilen skizziert, nicht ein. Es beginnt auf der ersten Seite: „Meinen künftigen Klienten, der in der Sonne vor der Snackbar saß, erkannte ich auf den ersten Blick. Er sah nach Geld aus, das seit geschätzt drei Generationen in der Familie war. Er konnte kaum älter als Anfang zwanzig sein, doch hatte er das aufgedunsene, wie um Nachsicht bittende Gesicht eines vorzeitig gealterten Jungen. Die Fettschicht unter seinem maßgeschneiderten teuren Anzug wirkte wie eine leicht zu durchdringenden Rüstung.“
Ross Macdonald versorgt den Leser noch mit einer ganzen Reihe glänzender Beschreibungen, die eindeutig die Klasse dieses Autors definieren.
Der Detektiv Lew Archer ermittelt in einer Scheinwelt. Klar ist nur sein Auftrag, Ginny zurückzuholen. Unklar und nebulös sind die Worte und Taten der Akteure in diesem Buch. Archer ist weder ein Schönredner noch ein Schmeichler. Er taktiert nicht, sondern stellt den Betroffenen Fragen, auch wenn er weiß, dass diese Fragen verletzen. Denn Archer hat einen Auftrag und er hat eine ganz bestimmte Einstellung und Meinung zu den Menschen. Kann Archer lachen oder genießen?
Keine Ahnung, darüber habe ich nichts gelesen. 
Die deutschen Übersetzungen der Romane  Ross Macdonalds wurden im Amsel-Verlag, Berlin (1954-56), im Scherz-Verlag (1960-95), im Rowohlt-Verlag (1964-70) und seit 1970 im Diogenes-Verlag verlegt.

 

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