Meine Kommissare

Silvia Götschi: Schweiz

Einsiedeln

Einsiedeln

Ist jemand „kopflos“, betrifft dies vordergründig seine Orientierungslosigkeit. In Silvia Götschis Einsiedeln ist es umgekehrt. Da scheinen diejenigen (zunächst) kopflos zu sein, die ermitteln sollen. In einem Fall, bei dem die Kopflosigkeit eine bedeutende Rolle spielt.
Alles klar?
Nein?
Ich werde Ihnen ein wenig helfen. Denn die Autorin tut genau dies nicht. Sie füttert den Leser mit Tatsachen abscheulicher Art, so wie ich sie und ihre Bücher bislang nicht kennengelernt habe.
Im modernen Sprachgebrauch, dem ich in der aktuellen Form übrigens keine lange Überlebensdauer wünsche, könnte man auch sagen: Silvia Götschi kann auch Thriller. Grauenhaftes deutsch, trifft aber den Kern.
Doch die Autorin geht mit ihrem Können, auch Thriller schreiben zu können, sorgsam um. Sie verlegt die Handlung in die kleine Gemeinde Einsiedeln und in den Bereich des gleichnamigen Klosters – es ist übrigens der bedeutendste Wallfahrtsort der Schweiz. Den Fall legt sie in die Hände eines erfahrenen Ermittlerteams, das Fans der Autorin bestens bekannt ist. Protagonistin ist die fünfundvierzigjährige Valérie Lehmann, im Range eines Oberleutnants bei der Mordkommission. Eigentlich hat Valérie alles, bis auf Ruhe und Zeit zur Muße. Sie fühlt sich ihrer Aufgabe zu sehr verpflichtet, um ihren Nächsten und Liebsten die ihr zustehenden Zuwendungen zu geben.
Schade – vielleicht gelingt es ja Emilio, ihr allmählich den (eigentlichen) Sinn des Lebens zu vermitteln. Hoffnung besteht, denn Emilio liebt sie und umgekehrt. Dieser kleine Einblick in ihr Privatleben gehört dazu – das Wesen der Ermittlerin spielt im Handlungsablauf eine bedeutsame Rolle. 
Innerhalb ihrer Kollegenschaft eine Rangfolge zu bestimmen, fällt mir schwer. Es sind sämtlich ausgeprägte Charaktere mit hoher Kompetenz und charmanten menschlichen Schwächen. Speziell in Einsiedeln haben Fabia, Louis und der Psychologe Henry Vischer Gelegenheit, beim aufmerksamen Leser einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Ganz hoch rechne ich Silvia Götschi ihren eingeschobenen „Beitrag“ zum weiten Themenfeld Glaube, Religion und Kirche an. Das ist jetzt recht grob beschrieben, aber ich denke, die Autorin und die Leserschaft wissen, was ich meine. Speziell die Dialoge zwischen Valérie und Fabia in der Kirche sagen viel über die Befindlichkeiten der Gesprächspartner aus und haben mich tief beeindruckt.
Was das mit dem Krimi zu tun hat?
Viel. Sehr viel sogar.
Der Druck auf die Ermittler nimmt von Seite zu Seite zu. Sie verhören und recherchieren, entwerfen kühne Szenarien und begeben sich hinter Klostermauern.
Welche Rolle spielt „die Kirche“? Gehört „sie“ zu den üblichen Verdächtigen? Zu einfach und zu platt für Silvia Götschi. Sie mag es anspruchsvoller.
Einsiedeln erschien Ende Juni 2018 bei emons:, wie ihre vorangegangenen Bücher auch. 

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