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Thomas Frankenfeld: Schleswig-Holstein

Der bleierne Sarg

Der bleierne Sarg

Kennen Sie Wedel? Nein?, Schade. Denn die etwa 33.000 Einwohner zählende Stadt an der Elbe grenzt an die westliche Stadtgrenze Hamburgs und verschmilzt zusehends mit der Hansestadt. Eine Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist. Tatsächlich entdecken immer mehr Hamburger ( gerade jüngere Paare) die Vorzüge der kleinen Stadt am Rand der Marsch. Seglern muss man nichts über Wedel erzählen. Wer ein größeres Boot sein eigen nennt, hat mit Sicherheit im Hamburger Yachthafen seinen Liegeplatz. Und der liegt nun mal in Wedel und bietet Platz für knapp 2.000 Boote.
Und genau hier, gleich hinter dem Wedeler Roland, dem Standbild eines Ritters aus dem Jahr 1558, nimmt die Geschichte um den bleiernen Sarg seinen Anfang. Kein bemerkenswerter Vorgang, das Begutachten eines Schadens am Dach der Immanuelkirche. Reine Routine. Bis der Erdboden unter der Last des Hubwagens nachgibt und sich eine tiefe Grube öffnet und der entsetzte Blick des Dackdeckermeisters auf einen Sarg fällt - einen bleiernen Sarg.
Der eilends herbeigerufene Archäologe Dr. Lindberg vermutet auf den ersten Blick einen Fund für die Wissenschaft. Begründungen hierfür gibt es reichlich. Dann beginnt eine Entwicklung von zunehmend nicht vorstellbaren Ausmaßes.
Es gibt den ersten Todelsfall.
Nein, kein Mord. Kein Tötungsdelikt. Kein Fremdverschulden.
Es gibt zwei weitere Todelfälle.
Die Umstände sind schlimm, nein, grausam.
Wieder kein Tötungsdelikt.
Der Autor beschreibt zügig, sachkundig und mit fast brutaler Offenheit, was die Ursache für die Todesfälle war: eine Chimäre, ein tödlicher Erreger aus den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs.
Utopie? Unwahrscheinlich? Science Fiction?
Habe ich auch gedacht, als ich vor einigen Wochen zum ersten Mal den Hinweis zum Inhalt des Buches auf dem Cover las. Inzwischen befinden wir uns im April 2020. Es gibt scheinbar nur noch ein Thema, das uns auch während der nächsten Monate noch "beschäftigen" wird. Es liegt mir fern, die aktuelle Situation angst machend zu nutzen. Ich wollte es nur mal erwähnen. Man vergißt manche Dinge so schnell - zu schnell.
Thomas Frankenfeld setzt ganz andere Mittel ein, den Lesern ein Szenario so vor Augen zu führen, das es sich einbrennt. Er vermittelt Wissen. Fundiertes Wissen. Können Sie alles nachlesen. Der Autor schildert in fast penibler Art und Weise Funktionen und Umstände. Er hat aus verschiedensten Fachbereichen Wissen und Erkenntnisse zusammengetragen, deren Summe den Leser sprachlos macht. Fehlte diese Wissens-Vermittlung wäre Der bleierne Sarg ein, sagen wir mal, durchschnittlicher Science-Fiction Roman. Mehr nicht.
Doch es ist ein Thriller und es gibt eine Fülle von Akteuren. Sorgsam ausgesucht. Jede Rolle ist treffend besetzt. Alle sind wichtig. Dieses "Casting" beherrscht der Autor blendend. Die Figuren sind gerade in diesem packenden Thriller wichtig. Sie federn die Handlung dort, wo es im Sinne des Leser sinnvoll ist, ein wenig ab.
Besondere Beachtung und Würdigung verdient der Tatort, den sich der Autor ausgesucht hat. Sagen Sie jetzt nicht, er, der auch in Wedel wohnt, hat den kurzen Weg gewählt. Hätte es sich einfach gemacht. Spektakulärer als Fund- und Tatort wäre doch die benachbarte Großstadt gewesen. Hätte doch viel mehr hergemacht. Finden Sie nicht?
Nein, in diesem Fall ist Wedel klar die bessere Wahl. Weil es glaubwürdiger wirkt. Denn der Autor glänzt auch mit Geschichtswissen. Diese Geschichte um den Geistlichen Johann Rist, der von 1635 bis 1667 Pfarrer der Wedeler Kirche war, ist heute noch stadtbekannt bei den Wedelern und somit immer noch greifbar.
Der bleierne Sarg erschien Anfang 2020 im Ellert & Richter Verlag.    

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