Meine Kommissare

Ulrich Ritzel: Ulm

Der Schatten des Schwans

Der Schatten des Schwans

Das war ein Kauf: Zwei Romane in einem Band. Für sage und schreibe zehn Euro (nein, ich bin kein Schnäppchenjäger). Die einmalige Sonderausgabe erschien 2006 im btb Verlag. Nie und nimmer wäre ich auf Ulrich Ritzel gestoßen, wenn ich nicht in Lindau der ausdrücklichen Empfehlung einer versierten Buchhändlerin gefolgt wäre. 
Beide Bände, Der Schatten des Schwans und Schwemmholz sind Regionalkrimis: Der zweite wird dieser Zuordnung allerdings noch mehr gerecht - dafür erhielt der Autor 2001 den deutschen Krimipreis.
Eigentlich war ich auf der Suche nach einem weiteren Bodensee-Krimi, aber außer Jakob Maria Soedher, dessen Pulverturm ich bereits gelesen und beschrieben habe, konnte die Verkäufern keine vergleichbare Empfehlung für die Bodenseeregion aussprechen. So fiel die Wahl auf Ulm und auf Ulrich Ritzel.
Angesichts der Aufgabe, die ich mir gestellt habe, nämlich Empfehlungen zu folgen, habe ich schließlich Ulm als mir noch unbekannten Tatort akzeptiert.
Der Autor, Jahrgang 1940, verbrachte Kindheit und Jugend auf der Schwäbischen Alb, lebte von 1998 als freier Schriftsteller am Bodensee und bis 2006 auch in Ulm und seit 2008 in der Schweiz. Der Mann kennt sich also in der Region aus. Nach dem Studium schrieb er für verschiedene Zeitungen und wurde 1981 mit dem begehrten Wächter-Preis ausgezeichnet. Nach 35 Jahren Journalismus begann er Kriminalromane und Kriminalerzählungen zu schreiben. Dass er mit dem professionellen Schreiben sein Geld verdient hat, wird beim Lesen deutlich.
Ulm bildet zusammen mit Neu-Ulm eines der länderübergreifenden Doppelzentren Deutschlands. Ulm liegt in Baden-Württemberg und Neu-Ulm in Bayern. Das war mir neu. Ich hoffe, Ihnen auch.
Die Ulmer Polizeidirektion sitzt in einem Renaissancegebäude, das heute Neuer Bau heißt. Die Bezeichnung Neuer Bau taucht häufig auf, wahrscheinlich als unverwechselbarer Teil des Lokalkolorits. Überhaupt beschreibt der Autor Straßen, Wege, Plätze und Landschaft sehr genau.
Genau sind auch die handelnden Figuren beschrieben. Allen voran natürlich der Protagonist, Kommissar Berndorf, Leiter Dezernat Eins. Tatkräftige Unterstützung erhält er von seiner Kollegin Tamar Wegenast. Weniger Unterstützung, dafür mehr Steine in den Weg, bekommt er von seinem direkten Vorgesetzten, Kriminaloberrat Englin, und seinen Dezernats-Kollegen. Berndorf, der stets nur Berndorf heißt und auch von seiner Langzeit-Liebe Barbara nur so genannt wird, ist ein recht einsamer Streiter. Als Ausgleich für seine Kämpfe für Recht und Ordnung und seine ständigen Scharmützel mit Kollegen und Obrigkeiten innerhalb und außerhalb des Hauses, dienen ihm lange Telefongespräche mit Barbara, die in Berlin wohnt und dort auch bleiben will und die intensive Beschäftigung mit den Aphorismen des Georg Christoph Lichtenberg. Ohne einen Lichtenberg-Band verreist er nicht. Und dann wäre da noch seine ausgeprägte Vorliebe für alkoholische Getränke, wenn er in seinem Kopf wieder mal Arbeit mit nach Hause genommen hat.
Berndorf ist sympathisch, kauzig, nicht pflegeleicht und kann den Menschen, ohne Ansehen der Person, gehörig auf die Nerven gehen. Ein solches Verhalten erzeugt zwangsläufig heftige Reaktionen und manchmal auch Gegenwehr. Damit kann der Kommissar durchaus leben.
Es ist aber auch zu ärgerlich, wenn es zu Störungen in sorgsam aufgebauten und gepflegten Beziehungsgeflechten, egal ob in Politik oder Wirtschaft kommt. Da gilt dann: Je kleiner die Stadt, desto größer die Aufregung und die Folgen. Und bei vermeintlichen Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit überregionalen Bauprojekten reagiert die Kommunalpolitik erfahrungsgemäß erst einmal sauer und, auch nach Aufklärung des Schlamassels, nur sehr zögerlich.
Eine Website habe ich von Herrn Ritzel nicht gefunden.

Sechs Bände sind zwischen 1998 und 2011 in der Berndorf-Reihe erschienen. Die ersten beiden habe ich an dieser Stelle erwähnt. Fest steht für mich, dass ich noch mehr von Herrn Ritzel lesen werde.  

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