Meine Kommissare

Veit Heinichen: Triest

Scherbengericht

Scherbengericht

Zehn Kriminalromane hat Veit Heinichen seit 2001 geschrieben. Acht davon habe ich gelesen. Der letzte Band Scherbengericht erschien in September 2017, bei Piper, wie der vorangegangene Band auch.
Der Autor lebt und arbeitet seit 1980 in Triest. Von seinen täglichen Erfahrungen, von der Stimmung in der Stadt und im Land, profitiert der Leser reichlich. Er erhält gewissermaßen Informationen aus erster Hand. Dafür sollte er dem Autor dankbar sein. Wie weit bzw. wie intensiv Veit Heinichen die Gegebenheiten vor Ort kennt, mögen Sie an einer leicht zu überlesenen Textstelle erkennen.
In Abwandlung des üblichen Hinweises „Dies ist ein Roman, er erhebt keinen Anspruch auf Wahrheit…“ heißt es hier: “,doch kommt er hier zu Schlüssen, die der Wirklichkeit entsprechen könnten.“
Ist das deutlich genug?
Das ist mehr als deutlich.
Dieser Kriminalroman ist in jeder Hinsicht schonungslos. Gewiss, es geschieht ein Mord, noch dazu ein äußerst heikler, doch die eigentliche Spannung entsteht durch die eindringliche Beschreibung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in der Stadt. Viel hat sich im Laufe der vergangenen Jahre geändert. Der Ton bei den maßgeblichen Dienststellen in den Behörden ist rauer und bestimmter geworden. Was wirtschaftlich sinnvoll für die Stadt sein könnte, muss nicht unbedingt den Politikern an den entscheidenden Stellen gefallen. Vor allen Dingen dann nicht, wenn ein solches Vorhaben ihren eigenen Zielen widerspricht. Das Beziehungsgeflecht zwischen Antragstellern (Wirtschaft) und genehmigenden Behörden ist zu einem Dschungel geworden.
Ach ja, dann kommt noch die Einwanderungsproblematik hinzu. Schauen Sie mal auf die Karte lieber Leser und vergegenwärtigen Sie sich, wo Triest liegt. Nein, ich meine nicht nur die Lage an der Adria, ich meine die Lage zwischen Slowenien im Nordosten und Kroatien im Süden. Der östlich an Triest angrenzende Karst ist eine Landschaft mit herbem Charme, aber auch ein hervorragendes Rückzugsgebiet. Keine Sorge, das ist kein Wirtschaftskrimi. Scherbengericht ist ein „echter Veit Heinichen“. Anspruchsvoll und, wie immer, hervorragend geschrieben.
Der Commissario scheint etwas ruhiger geworden zu sein. Oder hat ihm der Autor etwas Ruhe verordnet? Mir fällt auf, dass Chefinspektorin Pina Cardareto diesmal mehr Gelegenheit erhält, zu zeigen was sie kann.
Die kleine Kalabresin lässt immer noch keine Gelegenheit aus, sich mit Laurentis langjähriger Assistentin Marietta anzulegen bzw. zu zoffen, aber fachlich kann ihr kaum jemand das Wasser reichen.
Worum geht es?
Nach siebzehn langen Jahren wird Aristèidis Albanese aus dem Gefängnis entlassen. Dass es damals zu einer Verurteilung kam beschäftigt Laurenti immer noch. Schließlich wollte er seinerzeit Einfluss auf den Prozessverlauf nehmen – allein, ihm waren die Hände gebunden. Er musste ohnmächtig miterleben, wie das Schicksal seinen Lauf nahm.
Zwölf Zeugen haben damals gegen Aristèidis Albanese, wegen seiner stattlichen Figur stets Athos genannt, ausgesagt. Eigentlich ein Grund, Rache zu nehmen. Das tut Athos auch, aber auf seine Art.
Es beginnt eine überaus unterhaltsame Geschichte mit einem weiteren Protagonisten, neben Laurenti und Cardareto, der sich zu einem stillen Helden entwickelt.
Natürlich gehören die Familie des Proteo Laurenti und das Thema Essen mit zur Handlung. Aber unaufdringlich und logisch in den Verlauf der Handlung eingeflochten.
Ein wenig nachdenklich war ich am Ende schon. Das hat der Autor mit seinen vielen Hinweisen bewirkt. Es kann nicht schaden, die Augen aufzumachen und auch genau hinzuhören. Auch dazu ist ein Krimi da. 

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