Meine Kommissare

Georges Simenon: Frankreich

Mein Freund Maigret

Mein Freund Maigret

 Präambel zu Maigret

Eine Rezension zu einem „Maigret“ zu schreiben, das ist schon eine Herausforderung. Die Figur des Kommissars ist bekannt, verfilmt und jedem Krimifan geläufig.
Was gibt es noch hinzuzufügen, ohne den Leser zu ermüden?
Ich habe versucht, Monsieur Maigret vorstellbar zu machen. Hoffentlich ist es mir einigermaßen gelungen.
Zwei Bände von Georges Simenon liegen vor mir. Jeder Band enthält zwei Romane um Kommissar Maigret. Der eine erschien erstmals Anfang der dreißiger, der zweite Ende der fünfziger Jahre. Bei beiden handelt es sich um revidierte Übersetzungen, die im August 2015 bei Diogenes erschienen.
Angesichts der Vielzahl an Neuerscheinung bei Krimis gebührt dem Verlag Anerkennung für diese Entscheidung. Damit ist keineswegs eine Abwertung heutiger Neuerscheinungen verbunden. Dazu gibt es zu viele positive Überraschungen. Aber mit einem Klassiker derart massiv aufzutreten, darüber kann man schon einmal ein paar Worte verlieren.
Ich habe mit dem zweiten Roman in Mit Maigret in die Provence begonnen – hier „steht mehr drin“.
Maigret, geachtet, gefürchtet und geliebt wegen seiner Ermittlungserfolge. Aber wie ermittelt er, was macht er anders?
Der Mann hat viele Facetten. Er raucht pausenlos Pfeife, ganz egal, wo er sich befindet und wem er gerade gegenübersitzt. Er denkt und macht sich seinen Reim auf Handlungen und Worte und er spricht mit den Menschen. Das scheint seine hervorragende Eigenschaft zu sein. Er spricht mit allen, er hat großes Verständnis für die wenig Begüterten, für gescheiterte Existenzen, für Sonderlinge und Abenteurer. Es drängt ihn nicht an weiß gedeckte Tische, er liebt es eher schlicht.
Das macht ihn bei Menschen beliebt. So erhält er fast spielerisch Informationen, die anderen vorenthalten werden.
Maigret ist nicht zimperlich, nicht übervorsichtig. Er kann anderen sprichwörtlich auf die Füße treten und auch im wahrsten Sinne des Wortes mal hinlangen. Damit hat er kein Problem.
Bedenken Sie, dass die Handlungen der Romane überwiegend aus den dreißiger und fünfziger Jahren stammen. Die professionelle Tatortsicherung, die Sicherung von Spuren und die Auswertung von Spuren und der Datenabgleich gewannen erst langsam an Bedeutung.
Bei Ermittlungen außerhalb von Paris sucht der Kommissar zum Telefonieren den nächsten Gasthof auf und sowohl der örtliche Polizeiapparat als auch der Bürgermeister eines Tat-Ortes nehmen dem fremden Kommissar aus Paris gegenüber zunächst eine sehr reservierte Haltung ein.
Die Beschreibung des Protagonisten ist sehr sparsam. Er wird als groß, kräftig und mit einem breiten Gesicht beschrieben. Er raucht keine Pfeife wenn er schläft.
Diese Präambel werde ich allen Romanen voranstellen

 

 

Mein Freund Maigret

Es ist ein ganz besonderer Ort, an dem Maigret ermitteln muss: die Insel Porquerolles. Es ist „die größte Insel der Inselgruppe von Hyères (Îles d’Hyères bzw. Îles d’or). Sie liegt vor der französischen Mittelmeerküste im Bereich der Côte d’Azur in der Nähe von Toulon“ (so schreibt WIKIPEDIA).
Als „ganz besonders“ kann man auch die Begleitung des Kommissars bezeichnen. Inspektor Pyke von Scotland Yard soll den berühmten Maigret bei der Arbeit begleiten und beobachten.
Maigret ist diese Begleitung unheimlich. Er, der am liebsten allein und unbeobachtet ermittelt, hat plötzlich einen ständigen Begleiter. Bereits die Situationsbeschreibungen, die sich aus dem Miteinander der beiden ergeben, sind lesenswert. Maigret denkt über Pyke: „Er überlegte so scharf, dass man meinte, es hören zu müssen und das wirkte allmählich ermüdend.“
Es ist nicht so, dass der Kommissar Grund hätte, sich über den Gast beschweren zu können. Nein, es ist schlicht das Perfekte in jeglicher Hinsicht, das Maigret irritiert. Die permanente Präsenz eines Menschen, der ihn bei der Arbeit ununterbrochen schweigend analysiert und, wenn er einmal fragt, auch die richtigen Fragen stellt.
Mir ist dieser Pyke übrigens nicht unsympathisch.
Der Grund für die Reise auf diese zauberhafte Insel schnell erklärt. Der ermordete Fischer brüstete sich am Abend vor seinem Tod in einem größeren Kreis, ein Freund des Kommissars zu sein und zeigte zum Beweis einen Brief, der das belegte. Der Nachdruck, mit dem der Fischer auf seine Freundschaft zu dem berühmten Kommissar verwies, lassen Maigret keine andere Wahl, als selbst vor Ort zu ermitteln, obwohl die Insel wirklich nicht zu seinem Bezirk zählt.
Das unter dem Schutz des Nationalparks Port-Cros und des staatlichen Instituts für Meeresbotanik stehende Eiland ist ein kleines Paradies. Demzufolge lockt es nicht nur Touristen, sondern auch allerhand Sonderlinge, skurrile Gestalten, darunter ärmere und reichere, an. Ein Sammelbecken für all jene, die aus einer geregelten Gesellschaft ausbrechen wollen und die hier genügend Gleichgesinnte finden. Es geht dabei gesittet und geruhsam zu. Es herrscht das notwendige Maß an Ordnung, das unerwünschte Auswüchse verhindert. Ein jeder hat Verständnis für den anderen. Bis auf einen. Den Mörder des Fischers.
Simenon betreibt sehr anschaulich das Leben auf der Insel. Ruhe, Gelassenheit, geregelte Tagesabläufe, denen sich die Bewohner wie einem Ritual unterziehen. Einer der letzten Zufluchtsorte für Träumer und Spinner?
Die Voraussetzungen sind gegeben.
Wer von diesen Inselbewohnern hatte auf einen seiner Mitmenschen einen solchen Hass, dass er sich zu einer solchen Tat hinreißen ließ? Maigret mischt sich unter die Leute, wird für ein paar Tage Teil der Gesellschaft, weckt Vertrauen und passt sein Leben ihrem Leben an. Spurensicherung, Laborberichte, Erkenntnisse des Gerichtsmediziners sind in diesem Fall ohne Bedeutung. Es geht darum, dem Grund für diese Tat auf die Spur zu kommen. Das gelingt Maigret, aber diesen Kommissar bewegen am Ender der Geschichte weder Stolz noch Freude. Seine ganze Abscheu drückt sich in nur einem Wort aus: „Mistfinken“.

 

 

 

 

 

 

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