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Hans-Peter Vertacnik: Österreich

Totenvogel

Totenvogel

Schade, zu Ende. Schluss. Oberst Radek Kubica hat seine Arbeit getan. Der Mord an dem ebenso charismatischen wie skrupellosen Innenminister ist aufgeklärt.
Ein hervorragender Krimi mit klarem Handlungsverlauf, einer deutlichen regionalen „Note“ und wunderbar gezeichneten Figuren – allen voran der Ermittler Kubica. Dazu eine Sprache, die Auge und Ohr gut tut. Hans-Peter Vertacnik ist ein Freund kurzer Sätze. Und dort, wo es sich nicht vermeiden lässt, ist der Inhalt dennoch beim ersten Lesen verständlich. Als Ergebnis dieser Erzählweise bleibt der Leser ohne Störung und ohne Holpern beim Handlungsablauf. Das ist wichtig, denn die Fülle an Personal, die der Autor in Totenvogel aufbietet, ist beträchtlich.
Da muss der Leser durch. Empfehlen kann ich nur, sich die einzelnen Akteure von Anfang in Ruhe vertraut zu machen. Das Detailwissen erhöht später das Lesevergnügen.
In diesem Buch wird aus meiner Sicht wieder einmal deutlich, wie viel die deutsche Sprache zu bieten hat. Das zeichnet für mich die Qualität eines Autors aus: Die Möglichkeiten, die eine länderübergreifende Sprache (deutsch) bietet, klug zu nutzen. Als Ergebnis bleibt  die verbindende deutsche Sprache erhalten, sie ist aber jetzt unverkennbar österreichisch-deutsch. Ich habe in diesem Buch Satzstellungen und Redewendungen gelesen, die für mich „typisch österreichisch“ sind und deshalb einen hohen Sympathiefaktor besitzen.
Diese Hinweise waren wichtig, schließlich besteht ein Buch nicht nur aus Handlung, sondern auch aus Sprache.
Es geht in Totenvogel um die Gier nach Sex, Geld und Macht und somit um schmutzige Machenschaften. Wer jetzt mit dem Finger auf andere zeigt, sollte vorsichtig sein, schmutzige Machenschaften in Politik und Wirtschaft sind längst nicht mehr Einzelfälle -  die Medien berichten reichlich davon.
Wenn sich nun ein Autor wie Hans-Peter Vertacnik dieses Schmuddel-Themas annimmt, erhält es allerdings eine andere Dimension und wenn er dazu die „österreichische Variante“ liefert, entfaltet dies die Wirkung eines Turbos.
Der Leser lernt rasch den umtriebigen Innenminister kennen. Es fällt nicht schwer, ihm alles Schlechte zu wünschen. Aber muss es gleich ein Mord sein?
Der Leser lernt auch sehr rasch, dass sich der Umgangston im Bundesamt für staatspolizeiliche Angelegenheiten nicht wesentlich von dem in den Ministerien unterscheidet, bloß weil „Polizei“ draufsteht. Und auch das Gebaren untereinander beim Geheimdienst ist um keinen Deut besser. Da müssen diejenigen, die draußen für Recht und Ordnung sorgen sollen, aus ganz besonderem Holz geschnitzt sein.
Allen voran ist dies der Protagonist Oberst Radek Kubica. Ich will keine Worte über Kubicas desolates Privatleben verlieren. Nur so viel, dass er bereits für kaum wahrnehmbare Zeichen von Zuneigung äußerst empfänglich ist.
Was treibt Kubica an? Ein besonders stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, oder die Wahrnehmung der Möglichkeiten, die sein Amt ihm bietet? Büroarbeit ist ihm verhasst, er treibt sich am liebsten draußen herum.
Das Verhältnis zwischen ihm und seinen Vorgesetzten ist stets angespannt. Das stört die Vorgesetzten in schöner Regelmäßigkeit gewaltig, aber nicht Kubica. Er nimmt seelenruhig die Augenduelle und kleinen Wortgefechte hin und der Leser registriert mit Vergnügen, dass er als Sieger dieser Scharmützel hervorgeht.
Totenvogel erschien im Juni 2016 bei emons:. Der erste Band um den Ermittler Radek Kubica hieß Donauwölfe und erschien 2015, gleichfalls bei emons:.  
Der Autor Hans-Peter Vertacnik sagt auf seiner Website www.vertacnik.com über sich:
„Geboren 1956 in Leoben/Steiermark lebe ich als Schriftsteller, Kommunikations- und Medientrainer in Oberösterreich. Nach einem Dienstunfall im Jänner 2011 musste ich im April 2012 meine Laufbahn als Leitender Polizeibeamter beenden und absolvierte eine Ausbildung an der Master School Drehbuch Berlin.“ Es folgen Hinweise auf Veröffentlichungen. Am Schluss heißt es weiter: “Für meine Lyrik wurde ich mit dem Luitpold Sternpreis ausgezeichnet.“

 

 

 

 

 

 

 

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