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Phil Hogan: England

Die seltsame Berufung des Mr Heming

Die seltsame Berufung des Mr Heming

Ein heiterer Roman, mal kein Krimi, etwas für den kleinen Lesehunger zwischendurch. So dachte ich, der Blick auf den Klappentext des Ende 2014  bei Kein & Aber erschienenen Buches schien den ersten Eindruck zu bestätigen. Der Band war ein Geschenk meiner Frau, die einer Empfehlung unserer örtlichen Buchhändlerin gefolgt war. 
Protagonist ist William Heming, in den Rückblicken auf seine Kinder- und Jugendjahre nur William, später, in Ausübung seines Berufes, nur Mr Heming genannt. 
Die Schilderungen seiner Jugendjahre bereiten den Leser allmählich auf die besonderen Neigungen und Fähigkeiten des späteren Immobilienmaklers Heming hin. Der Leser macht es sich leichter, wenn er das Verhalten des Jungen einfach mal hinnimmt. William ist nicht böse, er ist nicht von negativen Kindheitserinnerungen geprägt, er ist einfach so, wie er ist. Unsere heutige Welt ist geprägt von Extremen, auch was Menschen betrifft. Der Wunsch nach Wahrnehmung und Anerkennung scheint bei vielen Menschen zum Lebenszweck geworden zu sein. Der Ruhige wird dadurch leicht als "komisch", zumindest aber "seltsam" angesehen. 
William gehört zum Lager der Ruhigen. Er beobachtet und speichert das Gehörte und Gesehene in seinem kleinen Kopf. Er beginnt spielerisch sein bescheidenes Wissen bzw. seine Kenntnis im Alltag anzuwenden. Und zwar nur für sich. Er schwärzt niemanden an, er spielt sich nicht als Rächer oder Helden auf. 
Schadet der Junge, und später der Jugendliche, mit seinem Tun anderen? Ich finde nicht. Im weitesten Sinne könnte man es Spiel nennen, wenn auch ein ganz spezielles. 
Die Fähigkeiten des jungen William, sich unbeobachtet Zugang zu Räumlichkeiten Dritter zu verschaffen, bekommen in Ausübung seines Berufes als Makler eine ganz neue Dimension. Jetzt stehen ihm wirklich alle Türen offen. Mr Heming beschafft sich von jedem Schlüssel eines zu verkaufenden Haus ein Duplikat. Jetzt ist er in der Lage, jeden Haushalt, egal ob jemand zu Hause ist oder nicht, aufsuchen. Am besten ist es, wenn wir Mr Heming selbst dazu hören, wenn er auf Seite 63 sagt. „ Ich bin kein Spanner, der nachts vor Fenstern steht. Wo liegt da der Reiz? Ich bin kein Stalker, kein Voyeur. Ich teile einfach Erfahrungen mit anderen Menschen, habe teil an ihrem Leben, während es abläuft. Betrachten Sie mich als Ihren unsichtbaren Bruder, Onkel oder Freund. Ich bereite Ihnen keine Schwierigkeiten. Vielleicht bin ich da, wenn Sie zu Haus sind, aber am wahrscheinlichsten bin ich gerade da gewesen, kurz bevor Sie nach Hause kommen.“
Neben dem Ausleben seines zugegeben etwas absonderlichen Hobbys ist Mr Heming ein ganz normaler Zeitgenosse. Sein Beruf bereitet ihm Freude, sein Laden „läuft“, er schätzt seine Mitarbeiter und seine Mitarbeiter schätzen ihn. Ausgeprägt ist sein Hang zur Bescheidenheit und Zurückgezogenheit. Wie schon in Jugendjahren möchte er nicht auffallen. Es fehlen jegliche Attribute eines erfolgreichen Geschäftsmannes. Auch der Mann in Mr Heming kommt zu seinem Recht. Das wird in einigen Begegnungen mit dem anderen Geschlecht diskret dokumentiert. 
Doch auch ein Mr Heming ist vor Übertreibung nicht sicher. Das ist todsicher. Und plötzlich, von einer Zeile zur anderen, wird aus diesem Roman ein Krimi. Mit der gleichen Sorgfalt, die Phil Hogan bis zu diesem Moment auf die Beschreibung des Maklers Hobby verwendet hat, widmet er sich den polizeilichen Bemühungen bei der Aufklärung eines sehr mysteriösen Todesfalles.  

Das sind für mich genügend Beweise, diesen Roman auch als Krimi zu bezeichnen.

Und wer ist Phil Hogan?  
„Phil Hogan wurde in Yorkshire geboren und lebt in Hertfordshire. Er arbeitet als Kolumnist und Journalist beim „Observer“, ist verheiratet und hat vier Kinder. Auf Englisch sind bereits drei Romane und ein Kolumnenband von ihm erschienen. Die seltsame Berufung des Mr Heming ist sein neuster Roman und der erste, der auf Deutsch erscheint.“

 

 

 

 

 

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