Meine Kommissare

Susanne Goga: Berlin

Es geschah in Schöneberg

Es geschah in Schöneberg

Ein ruhiger Krimi, nicht spektakulär und nicht laut. Die Autorin hat sich Lob verdient für eine eindringliche Schilderung der Verhältnisse im Berlin der zwanziger Jahre, genauer: Ende der zwanziger Jahre. 
Ich mache eine Anleihe bei Wikipedia, denn treffender kann man die Stimmung zu dieser Zeit nicht beschreiben: „In den Krisenjahren von 1919 bis 1923 hatte die Republik mit den unmittelbaren Kriegsfolgen, einer Hyperinflation sowie zahlreichen Umsturzversuchen und politischen Morden zu kämpfen. In den Jahren von 1924 bis 1929 erlebte sie eine Zeit relativer Stabilität, wirtschaftlicher Erholung sowie außenpolitischer Anerkennung und Wertschätzung.“ 
Die Menschen genossen das Leben noch in dem Bewusstsein des gerade Erlebten und manche ahnten vielleicht schon die drohenden politischen Veränderungen. Noch galt eine politische Ordnung, auf die man sich verlassen konnte. Braunhemden, die sich forsch und lautstark in der Öffentlichkeit bemerkbar machten, wurde noch nicht übermäßige Bedeutung beigemessen. 
Susanne Goga beschäftigt sich in Es geschah in Schöneberg mit zwei Themenbereichen: „Berlin als Modestadt und der Situation Homosexueller in den Jahren der Weimarer Republik“. So steht es im Klappentext. Dass man aus diesen beiden Themen einen handfesten Krimi schaffen kann, beweist die Autorin auf eindrucksvolle Art und Weise. Sie schafft es durch klar gezeichnete Figuren und eine behutsame Annäherung an die beiden Haupt-Themen. 
Protagonist ist der Oberkommissar Leo Wechsler, den treue Leser bereits aus vier vorangegangenen Bänden kennen. Sämtliche Bände erscheinen übrigens bei dtv. 
Leos Mitstreiter ist Robert Walther, mit dem ihn mehr verbindet als beispielsweise mit dem Kollegen Jakob Sonnenschein. Denn dessen politische Anschauungen, was vor allen Dingen die Zukunft betrifft, stimmen nicht mit Leos überein. Zum Glück gibt es noch das unverfängliche Thema Fußball, auf das man schnell ausweichen kann. 
Den Gründen für einen hinterhältigen Anschlag auf einen namhaften Modesalon am Kurfürstendamm muss Leo nachgehen. Zwei Vorführdamen wurden verletzt. Noch gibt es keinen Toten. Allerdings könnte der Anschlag das Ende des Modehauses bedeuten, wenn die Tat nicht rasch aufgeklärt wird. 
Dem Leser wird Einblick gewährt in die Modewelt zu dieser Zeit. Er bekommt mit, wie Modeateliers arbeiten und lernt die Unterschiede kennen zwischen Modellkonfektion und Massenware und zwischen Fertigungswerkstatt und Heimarbeiterin. 
Es wäre kein Krimi, bliebe es allein bei dem gezielten Anschlag, bei dem Kleider mit einem Kontaktgift präpariert wurden und die Vorführdamen schwer verletzten. 
Susanne Goga baut Spannung auf durch eine zweite Handlungsebene. Jetzt sollten Sie aufpassen, lieber Leser, um nicht den Anschluss zu versäumen und um das leidige und Spannung raubende  Zurückblättern zu vermeiden. 
Das Bild vom sorglosen Leben zwischen Kurfürstendamm und Alexanderplatz, zwischen Cafés und Kneipen erhält hin und wieder hässliche Risse durch politisch motivierte Übergriffe auf offener Straße und durch Einblicke in die Gedankenwelt junger Menschen, die, ohne es zu ahnen, sich bereits mitten im Anwerbungsprozess der neuen politischen Generation befinden. 
Leo Wechsler arbeitet mit der Gewissheit, hinter sich Frau und Kind zu haben, die ihn lieben und schätzen. Er duckt sich nicht und macht von seinem Recht zur Meinungsäußerung mehr als einmal Gebrauch. Er ist beliebt aber nicht lieb. Er schreitet ein, wenn er Unrecht sieht oder vermutet. Leo ist kein Held aber ein guter Ermittler. 
Die Autorin macht reichlich Gebrauch von der detailgetreuen Beschreibung der Stadt. Straßen und Plätze stimmen. Ihre Recherchen zu ihren beiden großen Themen sind sorgfältig. Es geschah in Schöneberg ist ein eindrucksvoller Kriminalroman und ein Stück Berliner Geschichte. 
„Susanne Goga lebt als Autorin und Übersetzerin in Mönchengladbach. Sie hat außer ihrer Krimireihe um Leo Wechsler mehrere historische Romane veröffentlicht und wurde mit mehreren literarischen Preisen ausgezeichnet. Für Mord in Babelsberg erhielt Susanne Goga den Goldenen HOMER 2015.“ 

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