Meine Kommissare

Susanne Goga: Berlin

Leo Berlin

Leo Berlin

Mord in Babelsberg, den vierten Band um Leo Wechsler, hatte ich zuerst gelesen. Das war falsch, ich hätte mit dem ersten Band Leo Berlin anfangen sollen. Bereits diese beiden Bücher haben bei mir einen starken Eindruck hinterlassen. Die Autorin versteht es auf vortreffliche Art und Weise, dem Leser das Leben im Berlin Anfang der zwanziger Jahre eindrucksvoll zu vermitteln. Es gibt keine überflüssigen Informationen, Susanne Goga schwelgt auch nicht in Bildern oder befasst sich gar zu intensiv mit den politischen Verhältnissen zu dieser Zeit (was eigentlich nahe gelegen hätte).
Nein, sie schreibt einen Krimi und versorgt den Leser mit einer Fülle von Informationen, die sämtlich unmittelbar mit dem Mord an einem Wunderheiler und einer Prostituierten zu tun haben. Und das schafft sie spielend auf 276 Seiten. Das Ergebnis ist eine Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Seite spannend bleibt und den Leser in die Lage versetzt, nie den roten Faden zu verlieren.
Mir fiel es nicht schwer, mich mit den Geschehnissen der damaligen Zeit vertraut zu machen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich Anfang der sechziger Jahre Berlin (Ost und West) besucht habe und mich seit dem Fall der Mauer jährlich einmal für ein paar Tage dort aufhalte und mit Interesse und Neugier die Veränderungen beobachte.
Die detaillierte und sorgsam recherchierte Beschreibung des „Tatortes“ Berlin hat mich deshalb sehr gefreut.
Mit dem Protagonisten Leo Wechsler ist Susanne Goga eine ausgezeichnete Figur gelungen. Leo, so nennen ihn stets die Freunde, ist nach dem frühen Tod seiner Frau allein erziehender Vater von zwei kleineren Kindern, die sich tagsüber in der Obhut seiner Schwester befinden. Das ist kein Zustand für immer. Mit Leos Gehalt kommen die Vier gerade mal über die Runden, seine Schwester Ilse hat weder eine Ausbildung noch eine Arbeit und ist somit auf die Rolle als stellvertretende Mutter und Hausfrau angewiesen. Das sorgt bei aller Disziplin für Spannung.
Spannung erlebt Leo Wechsel auch täglich im Beruf. Der Kriminalkommissar ist ehrgeizig und ungeduldig, was bei ihm regelmäßig zu Temperamentsaus-brüchen, zumindest aber zu verbalen Überreaktionen, führt.
Spannungen ergeben sich auch auf der Straße, wenn es zu politisch motivierten Ausschreitungen oder Handgemengen kommt, denen Leo nicht tatenlos zuschauen kann. Er greift dann spontan ein und wird auch schon mal handgreiflich.
Der Leser erhält viele Gelegenheiten, den Ermittlern bei der Arbeit zuzuschauen, die Autorin liefert hierzu wissenswerte Informationen. Zum Beispiel, dass es seinerzeit im Polizeipräsidium am Alexanderplatz noch keine feste Mordkommission gab. Für jeden Fall wurde eine neue Ermittlergruppe zusammengestellt und von einem Kommissar geleitet.
Leo, der leitende Kommissar und Kriminalsekretär Robert Walther arbeiten an der Aufklärung des Mordes an einem Wunderheiler. Wegen der illustren Kundschaft, die der Ermordete hatte, ist Fingerspitzengefühl angesagt. Als kurz darauf im Präsidium ein Frauenmord im Scheunenviertel gemeldet wird, nimmt sich Leo auch diese Akte. Er kann einfach nicht seiner Haut, obwohl zu Hause die Kinder auf ihren Vater und Ilse auf Ablösung warten.
Die beiden Morde fanden zwar in völlig verschiedenen Milieus statt, doch aus Leos Sicht scheinen Zusammenhänge zumindest nicht ausgeschlossen zu sein.
Was die Ermittlungen stets begleitet und teilweise auch überlagert, sind die sichtbaren Folgen der wirtschaftlichen Not. Immer wieder werden der Kriminalkommissar und seine Kollegen mit Menschen und Situationen konfrontiert, die sprachlos machen.
Leo Berlin erschien erstmals bei dtv 2005. Eine Neuausgabe gab es 2012. Und im Jahr 2014 erschien die 6. Auflage -  für mich ein deutlicher Hinweis auf den Erfolg.
Gerade lese ich Tod in Blau und so viel kann ich schon verraten: Es ist wieder ein „wahrer Goga“. 

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