Meine Kommissare

Thilo Scheurer: Baden-Württemberg

Leonhardsviertel

Leonhardsviertel

Täter alter, bisher nicht aufgeklärter Tötungsdelikte sollen mit modernen Ermittlungsmethoden überführt werden. Das ist das derzeitige Bestreben des Bundeskriminalamtes und einiger Landeskriminalämter. Welche Rolle dabei die erneute forensische DNA-Analyse spielt und was es mit der Polymerase-Kettenreaktion (kurz: PCR) auf sich hat, können Sie in Leonhardsviertel nachlesen. Das ist der Titel des im April 2016 bei emons: erschienenen Stuttgart-Krimis. Das „Leonhardsviertel“ ist das Rotlichtviertel von Stuttgart. Üblicherweise geht man dorthin, um etwas Schönes zu erleben, nicht so der Bankierssohn Anselm Friedmann. Statt Freude fand er hier einen gewaltsamen Tod. 
Das war vor zwanzig Jahren, die Akte ist „Vorläufig geschlossen“ und liegt mit vielen anderen unter einer Staubschicht im Dezernatsbüro T.O.M., im Gebäude des Landeskriminalamtes Außenstelle B5. T.O.M. steht für „Tote ohne Mörder“ und ist das vom Innenministerium ins Leben gerufene Dezernat, das sich mit der Aufklärung bis dato ungeklärter Morde beschäftigen soll. 
Diese nüchterne Einstimmung ist wichtig für das Verständnis des Inhalts und soll gleichzeitig das Bemühen des Autors Thilo Scheurer anerkennen, dem Leser etwas Neues zu bieten. 
Die zweiundfünfzigjährige Kriminalhauptkommissarin Marga Kronthaler, Kettenraucherin und allein erziehende Mutter eines nicht gerade pflegeleichten Jugendlichen führt das Regiment im Dezernatsbüro T.O.M. 
Dass sie sich mit Leidenschaft ihrer Aufgabe widmet, kann man nicht gerade behaupten. Ein schwebendes Disziplinarverfahren und berechtigte Sorge um ihren Sohn lassen bei der Ermittlerin keinen rechten Schwung bei der Arbeit aufkommen. 
Dieser Zustand ändert sich schlagartig, als „dieser neue Spargeltarzan“ (O-Ton Marga Kronthaler), in Person von Sebastian Franck, auftaucht.  
Bei der ersten Begegnung zwischen dem Kriminaloberkommissar und seiner neuen Chefin ist das Erstaunen auf beiden Seiten groß. Sehr groß sogar. Hier der wohl erzogene, bestens gebildete, aus vermögendem Hause stammende junge Mann, und ihm gegenüber Marga, deren erste Gedanken sich morgens bestimmt nicht mit der Frage beschäftigen: Was ziehe ich heute an? Die auch nicht der überquellende Aschenbecher in ihrem VW-Bus stört. 
Mit der Figur des Sebastian Franck hat Thilo Scheurer einen ganz neuen Typ von Kommissar geschaffen. 
Sebastian trägt Anzug und Krawatte, denkt analytisch und stets geradeaus, schätzt moderne Technik am Arbeitsplatz und hat, im Gegensatz zu seiner Chefin, keine Geldprobleme. Zielstrebig ist er, nicht zu verwechseln mit ehrgeizig. Er respektiert die Erfahrung Marga Kronthalers und versteht es, die beiden Jüngsten im Team zu motivieren: den Türken Cem Akay und Franziska Hegel, die beim Lächeln stets eine Art Zahnpiercing zwischen den oberen Schneidezähnen erkennen lässt. 
Unkonventionell sind Sebastians Methoden, wenn es gilt an Informationen und Beweise zu kommen. In diesem Punkt kann Marga noch viel von ihm lernen. Sein Verstand scheint ihm ununterbrochen Lösungsvorschläge zu liefern. Die nutzt er, ohne großes Aufheben davon zu machen. 
Die Ermittlungen im Mordfall Anselm Friedmann führen Frau Kronthaler und Herrn Franck, so sprechen sich die beiden stets an, in höchste gesellschaftliche Kreise. Kein Problem für Sebastian Franck, erkennbare Abneigung auf Seiten seiner Vorgesetzten. 
Ein solider und handwerklich gut gemachter Krimi. Er ist spannend und bietet auch dem erfahrenen Krimileser noch neue Erkenntnisse.      
Bleibt noch die Frage nach dem Autor. Wer ist Thilo Scheurer? Im Klappentext steht dazu: „Thilo Scheurer, Jahrgang 1964, lebt und schreibt in einer Kleinstadt am Rande des Schwarzwalds. 2012 erschien sein Debütroman Schwarzer Neckar, ein Regionalkrimi, im Emons Verlag (Köln). 2013 und 2014 folgten der historische Abenteuerroman Quadriga im Bookspot Verlag (München) sowie mit Letzte Ausfahrt Neckartal und Neckarteufel zwei weitere Kriminalromane im Emons Verlag. Der Autor ist verheiratet und hat zwei Kinder.“ 

 

  

 

  

 

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