Meine Kommissare

Judith Winter: Frankfurt

Lotusblut

Lotusblut

Anfang 2015 erschien Lotusblut, der zweite Krimi von Judith Winter. Er spielt, wie der ein Jahr zuvor erschienene erste Band Siebenschön, in Frankfurt und erscheint auch im Deutschen Taschenbuch Verlag. 
Im Klappentext steht leider nur wenig über die Autorin: „ Judith Winter, 1969 in Frankfurt am Main geboren, studierte Germanistik und Psychologie in Berlin und Wien und arbeitete viele Jahre in einem renommierten wissenschaftlichen Institut, bevor sie sich selbstständig machte. Nach Aufenthalten in Mailand und Paris lebt sie heute mit ihrer Familie in Konstanz.“ 
Schade, wirklich schade, gern hätte ich mehr über die Autorin erfahren. Wer es schafft, anhaltende Spannung außerhalb von Dialogen zu erzeugen und das über 445 Seiten, der hat dickes Lob verdient.  
Lotusblut wird als Thriller bezeichnet. Zu Recht. Judith Winter beweist mit diesem Buch, dass nicht Grausamkeiten das Wesensmerkmal eines Thrillers sein müssen, sondern anhaltende Spannung. Die einzige Zeugin eines Doppelmordes, ein etwa zehnjähriges asiatisches Mädchen, ist zunächst unauffindbar. Als eine Kommissarin sie schließlich findet, hält sich die Freude in Grenzen: Das Kind schweigt beharrlich. 
Die kleine Chinesin ist nicht verstockt oder bockig. Sie versteht es, ihre Gedanken aufmerksamen „Gesprächs“-Partnern mitzuteilen. Angst, Vorsicht und Umsicht sind in ihren Augen „lesbar“. Das Verhalten des Kindes ist geprägt durch eine frühzeitige Unterweisung in der chinesischen Kultur, vermittelt durch einen geduldigen Lehrmeister.  
Der Autorin gelingt das Kunststück, fehlende Sprache durch Gedanken zu ersetzen. Diesen Gedanken fehlt jegliche Banalität, in die das gesprochene Wort häufig abgleiten kann. 
Die Figur des Mädchens, ihre Gedanken zur Situation, in der es sich befindet und die Erinnerungen an ihre Heimat Tibet nehmen in Lotusblut erheblichen Raum ein – einer drohenden Kopflastigkeit bzw. einer Über-Betonung dieser kleinen Figur begegnet Judith Winter durch ihre beiden Protagonistinnen. Die Kommissarinnen gehören innerhalb der Zentralen Mordkommission Frankfurt am Main der Abteilung Kapitalverbrechen an und haben bereits im ersten Band Siebenschön zusammengearbeitet. 
Die achtundzwanzigjährige Emilia Capelli, gebürtige Italienerin und stets nur Em genannt und Mai Zhou, eine etwa gleich alte Chinesin, sind so unterschiedlich wie ihre Heimatländer. Die äußerst temperamentvolle Italienerin scheint keine Grenzen zu kennen, wenn sie von der Richtigkeit ihres Vorhabens überzeugt ist. Disziplinierter und nachdenklicher verhält sich hingegen Zhou. Die gegenseitigen Sympathiebezeugungen halten sich in Grenzen, kommt es aber mal ganz dick, halten sie zusammen. Kein Dreamteam aber ein erfolgreiches Paar im Kampf gegen das Böse. Nicht nur der eigentliche Handlungsablauf, sondern auch das Ping-Pong zwischen den beiden Kommissarinnen sorgen für Tempo und treiben den Leser an.  

Nach dem Lesen der letzten Seite weiß ich, was zu tun ist: ich werde mir den ersten Band Siebenschön besorgen.   

 

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